Einzelausstellung

»#SpiritOfStBerlin«

Martin A. Völker

Eine Fotoausstellung in der nüüd.berlin gallery zeigt die Stadt Berlin schwankend zwischen der Melancholie des Alltags und dem Aufbruch ins Traumhafte: Die Street Photography von Martin A. Völker stellt neue urbane Perspektiven vor und überrascht mit ungewöhnlichen Ein- und Durchblicken.

Die Corona-Pandemie führte zu einer intensiven Beschäftigung des Fotografen mit ungewohnten Aspekten städtischen Daseins. Es geht um Einsamkeit, Sehnsüchte, Licht und Schattenwelten von Berlin.

Bahnhöfe, Einkaufszentren und Straßensituationen in Schwarz-Weiß prägen Martin A. Völkers fotografische Arbeiten. Pulsierendes, erdiges Leben mit seinen vielen Kehrseiten. Der Titel der Ausstellung #SpiritOfStBerlin bezieht sich auf das Flugzeug Spirit of St. Louis, mit dem Charles Lindbergh am 20. Mai 1927 als erster Mensch im Alleinflug den Atlantik überquerte. Berlin ist ein Ozean für sich, voller Einsamkeiten, mit gefährlichen Strömungen, aber auch mit wunderbaren Inseln, Sonnenspielen und Freiheiten. Genau das spiegeln die Fotografien von Martin A. Völker wider.

Eine gravierende Veränderung im künstlerischen Umgang mit der städtischen Umwelt brachte die Corona-Pandemie. Die dämonisch- endzeitlich wirkende Verdunkelung des allgemeinen Mindsets führte bei Martin A. Völker zu einer fotografischen Umkehrung des Vorhandenen und zur Fokussierung auf extreme Stadtansichten. Der Aspekt der urbanen Versöhnung und Heilung der Stadtmenschen, welcher die Besucher:innen durch drei vorpandemische Serien geleitet, kehrt in zwei weiteren, pandemisch inspirierten Teilserien wieder: Auf die Dunkelheit folgt das Licht. Aber es sind andere Lichtverhältnisse mit einer neuen Farbigkeit, die von dem Lichtstatus vor der Dunkelheit abweichen: Es werde anders, es werde divers. Eine fotografische Welt geht unter, und neue Welten mit neuen Ikonen ziehen herauf.

Die fünf Bildserien in Kurzbeschreibungen: 1. The Ring and the Cross, 2. Streets of Desire, 3. Higher Ground, 4. Inverted Views, 5. Dissolution. Rebirth. New Icons.

The Ring and the Cross

Die Ringbahn ist der soziokulturelle Blutkreislauf Berlins. Die Stadt wird hier mit ihrer Hyperaktivität, aber auch in ihrer ausströmenden Melancholie erlebbar. Abnutzung, Lethargie und Leere sind die Begleitphänomene des urbanen Pulsschlags. Aufsteiger- und Absteiger:innen, gefühlte Sieger:innen und Besiegte treffen aufeinander. Wege kreuzen und durchkreuzen sich. Für manche gerät der tägliche Weg zum Kreuzweg. Wer ist glücklich und warum? Was ist urbanes Glück? Ist Erlösung in Berlin möglich?

Streets of Desire

Berlin war und ist ein Sehnsuchtsort. Die Sehnsucht zieht die Menschen in die Stadt und vertreibt sie wieder, ohne dass die Hoffnung vergeht, ebendort das persönliche Glück zu finden. Einzelne Orte und Perspektiven, traumartig deformierte Spiegelungen in Pfützen oder Glasscheiben erinnern an tief liegende Gefühle, geben den Durchblick frei auf geheime Wünsche. So groß und unpersönlich die Stadt manchmal erscheint, so heimatvoll kann ein unwirtlicher Hinterhof wirken, bloß weil er an das kindliche Fußballspiel zurückdenken lässt.

Higher Ground

Zugereiste oder Fernlebende meinen, dass Berlin in der dunklen Jahreszeit am schlimmsten sei. Richtig ist, dass sich die Stadt im Sonnenlicht von ihrer erhabenen Seite zeigt. Berlin wird monumental, umgibt sich mit der Aura des Überirdischen. Alles scheint wieder möglich zu sein. Die Stadt steckt voller Energie, und sie gibt die Kraft an ihre Bewohner:innen weiter. Man kann sich klein und verloren fühlen in Berlin, aber ebenso übermenschlich stark und frei und trotzdem mit allem verbunden.

Inverted Views

Die Ereignisse der Pandemie führten bei Martin A. Völker zu einem radikaleren fotografischen Umgang mit der Wirklichkeit: zum Verlust der Klarsicht, zur visuellen Zerstörung der Objekte, zu geschwärzten Räumen. Der neue invertierte Blick durchleuchtet und skelettiert. Er zeigt bisher verborgene Dimensionen und Perspektiven und führt quasi auf den Rohbau der Verhältnisse zurück, um eine Wiedererrichtung des Gewesenen von Grund auf vorzubereiten.

Dissolution. Rebirth. New Icons

In der Pandemie fiel die Normalität in sich zusammen. Künstlerisch geht bei Martin A. Völker alles Bekannte im Abstrakten unter. Die Abstraktion umfängt uns mit Fremdheit. Sie bindet den Blick an jene Einzelheiten, auf die wir nach dem Verlust der vertrauten Dinge neu aufmerksam werden. Ränder, Konturen und Fragmente der Wirklichkeit geraten in den Mittelpunkt. Schließlich gebiert das bunte Chaos aus Bruchstücken und Fetzen das Neue. Neue Ikonen einer neuen, diversen Wirklichkeit.

Martin A. Völker

Der Künstler Martin A. Völker wurde 1972 in Westberlin geboren. Zu seinen liebsten Kindheits- und Jugenderinnerungen zählen einsame Streifzüge durch das Hansaviertel und heute längst abgerissene Bauikonen der Vorwendezeit: das Alte Ku’damm-Eck und das Ku’damm-Karree. Immer begleitet vom Walkman und dem Sound von Depeche Mode und der Neuen Deutschen Welle. Völker hält an der berühmten Berliner Mixtur aus urbaner Abgerocktheit, sprachlicher Schnoddrigkeit, klugem Mutterwitz und liebenswerter Überheblichkeit fest und kultiviert sie als Schriftsteller wie als Fotograf.

Die Schriftstellerei ging aus seinem Studium der Kulturwissenschaft, Ästhetik und Europäischen Ethnologie an der Berliner Humboldt- Universität hervor, dem eine langjährige wissenschaftliche Lehrtätigkeit folgte. Er erforscht als Publizist das dynamische Verhältnis von hoher und niederer Kultur, mit besonderer Sympathie für heute vergessene Schriftsteller:innen, deren Werke er neu herausgibt. Diese Kultursedimente faszinieren ihn ebenso wie schlecht beleuchtete Hinterhöfe, Nebenstraßen oder blind gewordene Schaufenster, die auf seinen Fotos zu entdecken sind. In seinen Bildern schwingt die Berlin-Stimmung der Schriftsteller Wilhelm Raabe und Hans Hyan mit, die Völker als Herausgeber ediert hat.

Der ethnologische Blick des Forschers kehrt in Martin A. Völkers Street Photography wieder: Dort benutzt er Bildelemente, die normalerweise die Wahrnehmung der fotografischen Wirklichkeit stören: Schmutzschleier, Kratzer, Risse, Tags, Einspiegelungen, Blindheiten. Diese vorgefundenen realen Erscheinungen führen im Straßenbild zur Auflösung des Realen und zum Aufbau des Kunstbilds der Straße. Das Surreale wächst organisch aus der Wirklichkeit heraus. Kunst ist bei Martin A. Völker nicht das Gegenüber des Realen, sondern das Medium, welches die Realität anders sehen und erleben lässt. Die vermeintlichen Störfaktoren lassen sich als Übertragung der Stilelemente der Industrial Music der späten 70er- und frühen 80er Jahre auf die Fotografie verstehen: Umweltgeräusche, Lärmkulissen oder Werkzeuge als Instrumente geben der Kunst ihre dokumentarische Echtheit jenseits des Künstlichen zurück. Aus den Anteilen einer versehrten Wirklichkeit setzt sich die Stadt Berlin mit all ihren Brüchen und Verwerfungen neu zusammen: Entzauberung und Verzauberung zugleich.

Martin A. Völker lebt und arbeitet in Berlin.

21. Jan — 19. März 2022
Vernissage: Donnerstag, 20. Jan, 20 Uhr

Kronenstraße 18 · 10117 Berlin
[Ortsteil: Mitte | Bezirk: Mitte]

Öffnungszeiten: Do – Sa 13 – 19 Uhr, und nach Vereinbarung: +49 1577 533 08 89

Eintritt frei

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