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Gruppenausstellung

»MOMENT«

Sabine Dusend, Alex Grein, Morgaine Schäfer, Berit Schneidereit, Lucia Sotnikova, Anna Vogel

Kuratiert von Katharina Klang

Und alles was ist dauert drei Sekunden.
Eine Sekunde für vorher, eine für nachher, eine für mittendrin.”
(PeterLicht, Sonnendeck, 2001)

Mit der Ausstellung Moment präsentiert die Galerie Achenbach Hagemeier vom 8. Februar bis zum 9. März 2019 sechs an der Kunstakademie Düsseldorf ausgebildete und im Rheinland arbeitende Fotografinnen.

Etymologisch wird Moment von momentum, dem lateinischen Wort für Bewegung, Grund, Einfluss, abgeleitet. Der Begriff enthält sowohl einen zeitlichen Aspekt, als ein nicht genau zu definierendes Zeitintervall, sowie auch eine dynamische Definition, als Veränderung eines Ereignisses durch eine Bewegung oder Einflussnahme. In der Bildverarbeitung beschreiben Momente Helligkeitswerte einzelner Pixel, die der Merkmalsgewinnung dienen können.

In diesem Bezugssystem lassen sich die Arbeiten von Sabine Dusend, Alex Grein, Morgaine Schäfer, Berit Schneidereit, Lucia Sotnikova und Anna Vogel ansiedeln. Neben ihrer Professionalisierung an derselben Hochschule, ausgebildet bei Thomas Ruff, Andreas Gursky und Christopher Williams, markieren die Künstlerinnen mit ihren Fotografien primär transformatorische Elemente des Mediums. Dabei werden analoge und digitale Techniken abgeglichen, das Simulierte mit dem Seienden gegenübergestellt, Ebenen zusammengeführt, Repliken erstellt und die Auflösung als gestalterische Strategie zelebriert.

Die Fotografie als Ausgangsbasis des Erinnerns ist substanziellerer Bestand der Auseinandersetzung Morgaine Schäfers mit ihrer Biographie. Anhand von Dias aus dem Familienbesitz illustriert sie Konstruktionen der Identität und Geschichtsbildung. Dabei analysiert und archiviert sie überholte Techniken und deren Ästhetik. Schäfer nähert sich der Essenz von Fotografie, indem sie eine vermeintliche Dualität zwischen objektivem Gegenstand und privater, nostalgisch aufgeladener Referenz seziert und offenlegt. Sie markiert die Koexistenz von Narration, ihrer Kausalität und der Metaebene des fotografischen Objekts, das Eigenschaften wie Farbverlust, die Abfolge der Präsentation im Dia-Karussell und haptische Greifbarkeit preisgibt.

In ihrer Serie „Löschen“ greift Sabine Dusend auf die Charakteristika einer Digitalkamera der ersten Generation zurück und thematisiert die Besonderheiten von deren Löschungsprozess. In einer immer gleich ablaufenden Animation, löscht die Kamera das digitale Bild, indem es in blaue Pixel aufgelöst wird, bevor es gänzlich aus dem Speicher verschwindet. Während internationale Computergiganten in spezielle Auflösungen investieren, die das Erkennen von einzelnen Pixeln nicht mehr möglich machen, wird bei Dusend die Visualisierung des destruktiven Prozesses bildgestalterisches Element. Darüber hinaus verweist sie damit auf die ursprüngliche Zusammensetzung des Bildes.

Im starken Kontrast zu einer typologischen Objektfotografie, die mit der Düsseldorfer Schule assoziiert wird und die Wesensmerkmale von Gegenständen herausarbeitet, hat sich Anna Vogel hingegen der Verunklärung verschrieben. Fotografische Vorlagen, häufig Footage aus dem Internet, werden mit Lacken übersprüht, weggekratzt oder wie von einem nicht stark ausschlagenden Seismographen mit Tusche überzogen. Es entsteht ein visuelles Vibrato, das sich zitternd über die Fotografie legt. Die Darstellung des Gegenstands löst sich zu Gunsten einer atmosphärischen Verdichtung von Linien auf. Durch Titel wie „Speaker“ und „New cities“ bündelt sie Ursprungsmythen mit Zukunftsutopien. Die mit diesen Titeln einhergehenden Ideenkonstrukte, die verschiedene Ebenen der Interpretation offen lassen, geben einen Kosmos jenseits jeder Zeitlichkeit frei. Durch die Verschmelzung von Fotografie und Malerei weckt Vogel eine Versöhnung der Medien.

Der britische Fotografie-Pionier H. Fox Talbot bezeichnete seine fotografischen Experimente als fotogene Zeichnungen, die die Natur hervorbringt. Berit Schneidereits Lichthybride stehen in dieser Tradition. In Analogie zu Talbot gilt ihr Interesse der Natur. Trotz romantisierender Anleihen konzentriert sie sich vor allem auf die Konstruktion von Natur im urbanen Raum. Schneidereit erschafft abstrakte Bildräume, die auf realen Aufnahmen fußen. In ihrer Serie „Draperien“ visualisiert sie Sichtschutznetze, die das Bild in wellige Raster gliedern, als würde sich die Wirklichkeit in alpine Falten legen. In ihren Photogrammen, wie in der Serie „Sphere“, changiert sie zwischen digitaler Fotografie und analoger Produktion und nutzt die Fehler, die bei der Übertragung entstehen. Die so erzeugten Tiefen, in die die Bildinformation nicht mehr hinreicht, hinterlassen scherenschnittartige Leerstellen.

Alex Grein agiert raum-, produktions- und medienreferentiell. Mittels der Fotografie nähert sie sich den Wesensmerkmalen traditioneller Bildproduktion und ihrer Verbreitung sowie der Divergenz von einem Objekt zu seiner Repräsentation. Signifikant für ihre Serie „XS“ war die Einladung eine Ausstellung im Schloss Pless in Pszczyna zu realisieren, bekannt für seine Sammlung von Miniaturportraits. Neben einer starken Auseinandersetzung mit der dortigen Sammlung erfolgte eine touristische Ortsbegehung, wie sie dort alltäglich und zahlreich durchgeführt wird. Die dort entstandenen Eindrücke wurden als komprimierte Form von Daseinsmomenten auf ihrem Mobiltelefon gebündelt. Die gespeicherten Aufnahmen des Interieurs des Schlosses fotografierte Grein wiederum vom Handy ab, auf dessen Display Glasminiaturen von ihr arrangiert wurden. Aus dieser Überlagerung resultiert eine alice-eske Wahrnehmungsverschiebung. Der Bildraum betrügt den realen Raum um seine Repräsentanz.

„Replica“ ist eine 1:1-Kopie einer Leuchtreklame, die Lucia Sotnikova vor einigen Jahren im russischen Wolgograd aufgenommen hat. Basierend auf der fotografischen Vorlage rekonstruierte sie ein Replikat des Gegenstandes, das sogar die gleiche Seriennummer trägt. Ferner wirft sie damit die Frage auf, ob sich die Fotografie in ein physisches Objekt zurückführen lässt. Sotnikovas semiologischer Ansatz widmet sich der Übertragung von realen und digitalen Bildräumen und untersucht, ob das Objekt-Raum-Verhältis medial vermittelbar ist. In „Epimorpha“ schlängelt sich eine goldene, verknotete Halskette über schwarz-weiß Abbildungen eines Anatomiebuches. Obwohl Buchdruck und Kette reale Gegenstände sind, nehmen wir die zweite Ebene als digitale Animation wahr. Die Schichtung von Bildebenen, unter anderem auch Bestandteil gängiger Bildbearbeitungstechniken, zeigt, wie symptomatisch das Überlappen von Bildinformationen für unsere Wahrnehmung geworden ist.

All diesen Positionen ist gemein, dass sie das Moment als Intervall der Verschiebung nutzen. Trotz Unterschieden in chemischer und technischer Zusammensetzung ist der experimentelle Umgang mit den Parametern des Mediums maßgeblich. Die teilnehmenden Künstlerinnen haben die Tür zu der Ära des Digitalen weit geöffnet, ohne die fotografischen Errungenschaften der Vergangenheit oder Erkenntnisse, die aus anderen Medien gewonnen wurden, zu ignorieren. In dieser Praxis liegt die Dehnung der zeitlichen Abfolge – die Erweiterung der Sequenz.

Text: Katharina Klang (Kuratorin)

Galerie Achenbach Hagemeier
Galerie Achenbach Hagemeier

8. Feb — 9. März 2019
Vernissage: Donnerstag, 7. Feb, 19-22h
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Chausseestraße 1, 10115 Berlin
[Mitte | Mitte]

Öffnungszeiten: Mi-Fr 13-18h, Sa 12-14h

Eintritt frei

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