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Einzelausstellung

»IMPASSE«

Berlin-Rom, Stadtrand am Scheideweg

Pasquale Liguori

IMPASSE ist die fotografische Reise von Pasquale „Pas“ Liguori zwischen Ambition, Rückgang und Wiedererweckung zweier wichtiger Stadtbezirke, die in Berlin und Rom in den 70er und 80er Jahren entstanden sind. Es geht um Corviale und Marzahn, zwei Gebiete, die sich von der räumlichen Ausdehnung sowie vom allgemeinen Kontext her zwar sicherlich unterscheiden, sich aber dennoch ähneln und überraschende Analogien aufweisen. Entworfen im Rahmen öffentlicher Wohnungsbauprogramme, die auf die Lösung drängender Bedarfe des sozialen Wohnungsbaus ausgerichtet waren, sind beide in industrieller Bauweise durch den Einsatz von Fertigteilen effizient und zeitsparend errichtet worden. Abgesehen von der bedeutenden städtebaulichen Wirkung haben Corviale und Marzahn einen historischen und sozialen Entwicklungsweg, der in vielen Aspekten übereinstimmt.
Corviale, das sich auf dem Kamm eines Hügels im Südwesten Roms über einen Kilometer erstreckt, ist das Ergebnis eines langen und quälenden Projekt- und Verwaltungsmanagements im Laufe der 1970er Jahre. Die ersten Wohnungen wurden zu Beginn der 1980er Jahre übergeben, während die Bauarbeiten noch im Gange waren und vor allem in jenem innovativen Teil noch unfertig, der Dienstleistungs- und Unterstützungsstrukturen vorsah. Dieser sollte dann auch zu großen Teilen nicht fertiggestellt, wenn nicht gar überhaupt nicht umgesetzt bleiben.
Der Idee der Planenden zufolge sollte die majestätische architektonische Umsetzung auch dem Schwarzbau Einhalt gebieten, der in der ländlichen Umgebung Roms grassierte.Leider hat das schlechte Management seitens Politik und Verwaltung verhindert, dass die komplexen und qualitativ hochwertigen Eigenschaften des ursprünglichen Projektes zutage kommen konnten. Dies hat den Bezirk in eine zunehmend isolierte und stigmatisierte Einheit verwandelt, herausgerissen aus dem umliegenden Gebiet und zu einem Kilometer Zementstruktur verkommen, die lediglich Schlafstadt und oftmals Schauplatz starker Spannungen und großer Not war.
Ungeachtet dessen fördet die Initiative von Bürgern und Vereinen mit Kreativität und Unternehmungsgeist Visionen von Möglichkeiten, Visionen einer Neuauflage der ursprünglichen Utopie zum konkreten Vorteil der Bewohner, der lokalen Produktion und der kulturellen Entwicklung des Gebiets.

Marzahn ist seinerseits in ganz Europa die am schnellsten errichtete Großsiedlung des sozialen Wohnungsbaus, mit dem Ziel, zu DDR-Zeiten Familien, Angestellte und Arbeiter mit Wohnraum zu versorgen. Im Laufe von ungefähr 15 Jahren wurde auf konkrete Art und Weise diesem Bestreben Rechnung getragen, indem rund 65 000 Wohnungen und vielfältige Dienstleistungen entstanden, die für die Bürgerinnen und Bürger bestimmt waren. Hochrechnungen zufolge wohnten in der gesamten Großsiedlung Marzahn im Jahre 1990 290 000 Menschen. Der zuletzt errichtete Teil Marzahns war das Gebiet „NordWest“, das größtenteils von jungen Familien mit Kindern bewohnt wurde. Hier, auf einem Gebiet von zirka 250 Hektar mit 24 000 Einwohnern, hat sich die Aktivität von Pas Liguori konzentriert, auch aufgrund der besonders schwerwiegenden sozialen Folgen im Zuge des Mauerfalls.
In der Tat hat Marzahn NordWest durch eine erste Entvölkerungswelle beträchtliche Entwicklungsrückschläge erlitten. Auf diese folgten Maßgaben des Stadtumbaus, die das Antlitz und die Funktionalität vieler Teile des Quartiers verändert haben. Hinzu kamen Schwierigkeiten im Bereich der Wohlfahrt und der Integration mit einem bedeutenden Vorkommen von Arbeitslosigkeit sowie diskriminierenden Vorfällen. Dies hatte abgesehen von den negativen Wirkungen für das Lebensumfeld – wie auch bei Corviale – die Entstehung einer starken Stigmatisierung Marzahns zur Folge. Seit 1999 ist neben anderen Instrumenten der kommunalen Versorgung auch das Quartiersmanagement aktiv, das speziell zur Prävention sozialer Segregation eingerichtet wurde. Ausgehend von den Ähnlichkeiten zwischen den beiden Stadtteilen hat das fotografische Auge, das auf städtischen Wandel gerichtet ist, mögliche Ähnlichkeiten in sozialen und zivilgesellschaftlichen Tatsachen erforscht – und dies am Stadtrand zweier europäischer Hauptstädte, die in der sozioökonomischen Chronik eines Europas, das durch die jüngsten Finanz- und politischen Krisen auf eine harte Probe gestellt wird, oft so weit voneinander entfernt scheinen.
Die Bilder von IMPASSE fangen also eindeutige Spuren der heutigen Lebensrealität zweier Projekte ein, die fast gleichaltrig sind und oftmals ähnliche Entwicklungen aufweisen, rund 30 Jahre nach ihrer Geburt.
Ja, Corviale und Marzahn werden in Bildern von Einsamkeit und Schwere dargestellt, die auch verschwiegen werden oder versteckt sein kann, aber vor allem in ihrer Fähigkeit, Schönheit, Energie, Geist und Würde auszustrahlen.
Die Aufnahmetechnik vermeidet sorgfältig das Auseinandernehmen der intimen Bereiche des Stadtrandlebens durch eine mühselige Suche, voller Klatschsucht, Voyeurismus und Effekthascherei, nach Not und Elend der Bewohnerschaft.Es ist eine Fotografie, die zur Reflexion anregen und dabei Initiativen zu Gunsten der Strukturen und Menschen vor Ort in Gang bringen will, die es verdienen, in der Organisations- und Stadtenwicklungsdebatte einen zentralen Platz einzunehmen, mit vielen sozialen Möglichkeiten sowie Möglichkeiten zur Förderung von Solidarität und ökonomischem Wachstum. IMPASSE leistet seinen Beitrag zu einem vielleicht ambitionierten, aber möglichen Dialog zwischen zwei europäischen Hauptstädten unter dem Vorzeichen gemeinsamer Themen, die von Bedarfen ausgehen, die von unten kommen. In einer Gesellschaft, die dazu neigt, zwischen einer Konzentration von Reichtum und weitreichender Not zu polarisieren, die dazu neigt, Konkurrenz und persönlichen Erfolg zu verherrlichen, können Kommunikation und Austausch zu sozialen Themen das Bild eines solidarischen und wahrhaft konkurrenzfähigen Europas wiederherstellen. Die Sackgasse muss überwunden werden.
Die Ausstellung, die auf die ehrenamtliche Initiative des Künstlers hin entstanden ist, ist unter breiter Beteiligung der Menschen und Einrichtungen in Marzahn NordWest entstanden und wird gefördert durch das Quartiersmanagement Marzahn NordWest. Pasquale Liguori arbeitet in Rom mit dem Goethe-Institut zusammen, wo die Ausstellung dann Anfang 2019 im Museo di Roma in Trastevere mit einem Rahmenprogramm zu sehen sein wird.

PASQUALE LIGUORI

Pasquale „Pas“ Liguori ist 1966 geboren und lebt in Rom. Er hat sich schon in sehr jungen Jahren Dank der Leidenschaft seines Vaters, der einen Praktica-Fotoapparat besaß, mit der Fotografie vertraut gemacht und sich überwiegend in der Dunkelkammer weitergebildet. Auf den Spuren einer Technologie, die sich in stetigem Wandel befindet, bleibt er auch dann dem wahrhaften Fotografieren verbunden, wenn er digitale Techniken verwendet. Angesichts der Ausbreitung der „Hyperfotografie“ ist er auf der Suche nach einem nüchternen Ausdruck, der nicht für Manipulation und  Nachbearbeitung hergibt. Seine jüngsten Arbeiten konzentrieren sich auf die Untersuchung von Orten und räumlicher Ordnung, an denen mittels seiner vielsagenden Spuren von der Präsenz des Menschen erzählt wird, mit Hilfe einer originellen Herangehensweise halbwegs zwischen Reportage und Forschungsarbeit zum urbanen Raum.

Altes Rathaus Marzahn - Pasquale Liguori - IMPASSE - Berlin-Rom, Stadtrand Am Scheideweg
Altes Rathaus Marzahn - Pasquale Liguori - IMPASSE - Berlin-Rom, Stadtrand Am Scheideweg
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1. — 30. Sep 2018
Vernissage: Freitag, 31. Aug, 17h

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Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf / Altes Rathaus Marzahn, Helene Weigel Platz 8, 12681 Berlin
[Marzahn | Marzahn-Hellersdorf]

Öffnungszeiten: Mo-Fr 8-19h

Eintritt frei

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