Einzelausstellung

»Mellow Drama«

Jenna Westra

Jenna Westras Fotografien fangen eine aufgeführte Intimität ein – eine Ungezwungenheit der Bewegung, die es im echten Leben gibt, wird im Atelier reproduziert. Bei Intertwined Women bin ich unsicher, wo ein Körper endet und der andere beginnt. Das Gefühl einer auf meinem Oberschenkel ruhenden Hand wird durch das Bild übertragen – die Geste ist so bekannt, dass ich mir das genaue Gewicht der auf mir liegenden Hand vorstellen kann. Ist es meine eigene Hand? Oder die einer Freundin? Der Unterschied ist unwesentlich, da die beiden Formen der Berührung sich so sehr ähneln.

Das Überlappen von Körpern auf Westras Fotografien veranschaulicht das oft ignorierte somatische Element der Freundschaft unter Frauen. Die physische Nähe ist ein platonisches Echo der Erotik sexueller Beziehungen. Eine Intimität, bei der eine andere zu berühren wie sich selbst zu berühren ist, und umgekehrt. Körper fließen ineinander, Grenzen lösen sich auf, Eigenschaften verdoppeln sich.

Männliche Filmemacher – insbesondere Hitchcock und Bergman – haben dieses Verschmelzen voller Angst dargestellt. Das Verwischen der Grenzen zwischen zwei Frauen (oft sowohl physisch als auch visuell) wird als ein Zeichen von Wahnsinn gezeigt. Eine Frau muss gewaltsam die Bande zur anderen kappen, um wieder sie selbst zu werden. Die Realität ist nuancierter, wo das Spiegeln und Verschmelzen von Körpern sowohl intensiv als auch liebevoll ist. Westra fängt dieses Spektrum der Berührung ein.

Portraitfotografie fängt einen Moment der Aufführung ein. Wie Peggy Phelan schreibt: „Unsicher darüber, wie dieser Körper aussieht oder wie materiell er ist, führen wir ein Bild auf, indem wir das imitieren, von dem wir denken, dass wir so aussehen.“ Mit anderen Worten filtern Fotografien das Bild, das man von sich selbst hat, durch den Blick des Anderen – in diesem Fall zwischen den Models und Westra. Der kollaborative Prozess, den Westra steuert, indem sie die Choreografie und Posen bestimmt, etabliert eine fast psychologische Übertragung.

Die Wiederholung in Westras Fotografien zirkuliert zwischen dem Ich und dem Anderen. Westra fängt die verschiedenen Persönlichkeiten einer einzigen Person ein, manchmal in einem Bild. Two Vivians (Print) ist ein gutes Beispiel. Auf der Fotografie steht eine Frau vor einem Bild von sich. Auf dem Hintergrundbild betrachtet sie ein Glas Wasser. Im Vordergrund starrt sie herausfordernd die Fotografie an der Wand an. Das Ergebnis sind stark unterschiedliche Bilder derselben Person. Stünde die echte Vivian vor Two Vivians (Print), würde sie noch mal anders aussehen. Würde sie wieder vor besagter Fotografie fotografiert: wieder anders.

„Fotografen entwickeln das Bild, wenn sie den Auslöser berühren: Modell performen so, wie sie denken, das das Bild aussieht“, schreibt Phelan. Westra treibt dieses Konzept weiter voran, indem sie ihre Subjekte verdoppelt und es ihnen so ermöglicht, sich als sowohl sie selbst als auch durch Westras Blick zu sehen und gesehen zu werden. „Das performative Wesen der Portraitfotografie verkompliziert den traditionellen Anspruch der Kamera, etwas authentisch ‚Echtes‘ zu reproduzieren“, schreibt Phelan. Das Studio-Setting von Westras Fotografien etabliert die Bilder bereits als nicht echt, die sorgfältige Choreografie, zusammen mit der Performance der Models, weist die Fotografien als Fiktionen aus.

Wo situieren die Betrachter*innen sich in diesen Bildern? Sehen sie sich selbst oder das Andere?
Legen sie ihren eigenen Blick über die Fotografie? Oder diktiert Westras Blick die Art des Sehens? Dass Westra und auch die Kamera selbst im Self Portrait with Melon, Darkroom Curtains erscheinen, ist bemerkenswert. Indem sie die vierte Wand durchbricht, betont Westra noch einmal ihre Rolle als die des einzigen Blicks der Bilder. Die Öffnung des Vorhangs erinnert mich an gespreizte Beine – was auf jenen Faden der Erotik verweist, die die Arbeit durchsticht. Eine ähnliche Form findet sich in Braid, Demi-Plié, wo das visuelle Alphabet der Körper artikuliert wird, das sich durch die Ausstellung zieht. Eine Melone sitzt auf Westras gekreuzten und aufgestellten Beinen, ein Totem der Formen. Als Metapher gelesen, erinnert die perfekt runde Frucht an eine runde Linse eines Objektivs wie auch an eine Iris (das Auge und das Ich beide im Bild präsent). Während Westra für sich selbst performt, wird eine ganze Ausstellung in ein einziges Bild eingefaltet.

Text: Tatum Dooley
Translation: Wilhelm von Werthern

SCHWARZ CONTEMPORARY

25. Juni — 31. Juli 2021
Vernissage: Donnerstag, 24. Juni, 16 – 20 Uhr

Sanderstraße 28, 12047 Berlin
[Ortsteil: Neukölln | Bezirk: Neukölln]

Öffnungszeiten: Mi – Fr 12 – 18 Uhr, Sa 12 – 16 Uhr, und nach Vereinbarung

Eintritt frei

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