Einzelausstellung

»Sibylle Bergemann – Eine retrospektive Werkschau«

Ich kann nicht schlafen, wenn ich an all das denke,
was ich fotografieren müsste” (Sibylle Bergemann, 1983)

Am 29. August 2016 wäre Sibylle Bergemann 75 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses runden Geburtstages richten die Loock Galerie, Kicken Berlin und der Nachlass von Sibylle Bergemann in Zusammenarbeit mit den Reinbeckhallen in Oberschöneweide der Fotografin eine umfassende Werkschau in Berlin aus. An drei Orten der Stadt wird zeitgleich eine Auswahl aus den Werkgruppen Mode, Frauen, Porträts, Denkmal und Fenster sowie Farbfotografien aus verschiedenen Zeiten gezeigt. Die Ausstellungen entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Nachlass von Sibylle Bergemann und verschiedenen Privatsammlungen.

Loock Galerie | Potsdamer Straße 63, 10785 Berlin [Tiergarten]:
»Sibylle Bergemann – Frauen. Und in Farbe.«
Vernissage: Donnerstag, 27. April 2017, 18-21h (Facebook Event)
Ausstellung: 28. April – 29. Juli 2017 verlängert bis 11. August 2017
Reinbeckhallen | Reinbeckstraße 9, 12459 Berlin [Oberschöneweide]:
»Sibylle Bergemann – Eine retrospektive Werkschau«
Vernissage: Freitag, 28. April 2017, 19-20:30h (Facebook Event)
Ausstellung: 29. April – 30. Juli 2017 verlängert bis 10. September 2017
Kicken Berlin | Linienstraße 161 A, 10115 Berlin [Mitte]:
»Der Rand der Welt. Sibylle Bergemann in Dialogue«
Vernissage: Freitag, 28. April 2017, 18-21h
Ausstellung: 29. April – 1. September 2017

Loock Galerie zeigt erstmals die seit 1990 entstandenen Farbfotografien im Dialog mit Ikonen aus der Reihe der Frauenporträts. Kicken Berlin legt den Fokus auf Fotografien aus Berlin-Mitte, während in den Reinbeckhallen ein Querschnitt aus ihrem Werk zu sehen ist, der aus verschiedenen deutschen Privatsammlungen und aus dem Nachlass Sibylle Bergemanns kuratiert wird.

Begleitende Veranstaltung in den Reinbeckhallen:

Gespräch:
»Zur Migration ostdeutscher Bildpraxen – Autor*innen-Fotografie aus der DDR nach ’90«
Sonntag, 3. September 2017, 17 Uhr

mit
Harald Hauswald, Fotograf
Friedrich Loock, Galerist
Stephanie Steinkopf, Fotografin
Moderation: Sabine Weier, Kunstkritikerin

Eintritt frei. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl bitten um vorherige Anmeldung per Email an: kontakt@reinbeckhallen.de oder RSVP

Sibylle Bergemann (*1941 in Berlin – † 2010 in Margaretenhof) arbeitete seit 1967 als freischaffende Fotografin in Berlin. Sie fotografierte zahlreiche Reportagen, Mode- und Porträtstrecken für Kunst- und Kulturmagazine der ehemaligen DDR, wie der Sonntag und Sibylle. Nach der Wende und bis zu ihrem Tod arbeitete sie u.a. für die Zeitschriften GEO, Die Zeit, Spiegel, Stern oder New York Times Magazine. Für Sibylle Bergemann war die Fotografie Berufsmedium und künstlerisch-dokumentarisches Ausdruckmittel zugleich. Mode- und Porträtfotografien, situative und szenische Fotografien, sowie Polaroids bilden die Schwerpunkte in ihrem Werk, das durch eine nüchterne Sinnlichkeit besticht. Sie arbeitete bis 1990 überwiegend in Schwarz-Weiß und nach der Wende auch in Farbe. Dabei setzte sie die Farbe nicht nur illustrativ, sondern auch und vor allem als konstitutives Element ein.

Fotohistorisch betrachtet, stellt August Sanders epochales Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ in stilistischer, formaler und inhaltlicher Hinsicht eine wichtige Referenz für Bergemanns Schaffen dar. So war sie über das zu fotografierende Objekt, wie zum Beispiel der Mode, auch immer bedacht, ein charakteristisches „Bild des Menschen“ in seiner aktuellen sozialen und politischen Realität zu schaffen. Vor diesem Hintergrund faszinierte sie auch Robert Franks dokumentarisch, subversiver Blick auf Amerika. Während sie bei der Erschaffung der verschieden Polaroid-Serien auch durch die minimalistischen zart-blassen Polaroids von Luigi Ghirri beeinflusst wurde. Vielschichtigkeit im Ausdruck und die Reflektion des gesellschaftlichen Kontextes über den rein dokumentarischen Aspekt der Fotografie hinaus sind dabei kennzeichnend für das Werk Bergemanns.

Die Modefotografien entstanden mit unverstelltem Blick inmitten des DDR-Alltags: vor bröckelnden Hausfassaden, auf Berliner Straßen und Hinterhöfen, aber auch an scheinbar verwunschenen Orten wie dem Lustgarten oder dem Schloss Hoppenrade. Hier schuf Sibylle Bergemann Ikonen der Modefotografie. Dazu gehören bis heute u.a. die Bilder Marisa und Liane, Sellin (1981), Annette und Angela, Berlin (1982) sowie die Fotografien der Punk- und Künstlergruppe Allerleirauh als auch die Porträts von Katharina Thalbach, (1974) oder Nina Hagen mit ihrer Mutter Eva Maria (1976).

Berühmt wurde ihre dokumentarische Serie Das Denkmal (1975-1986) über die Entstehung des Marx- Engels-Denkmals, das 1986 hinter dem Palast der Republik in Berlin eingeweiht wurde. Im Auftrag des Kulturministeriums begleitete sie über einen Zeitraum von 11 Jahren kontinuierlich die Entstehung des Denkmals, wobei sie auch immer wieder den Bildhauer Ludwig Engelhardt in seinem Atelier auf Usedom besuchte.

In der fotogeschichtlichen Rezeption nach der Wende wurde die schwebende, am Kran baumelnde Friedrich-Engels-Skulptur häufig als Sinnbild für eine Demontage der Deutschen Demokratischen Republik gesehen, während sie in Zeiten der Bildentstehung einfach das Abbild der Montage war. Bergemann kommentierte später trocken: „Wir zeigten einfach nur, wie es wirklich war.“

Über die sehr bekannten Werkgruppen Mode- und Porträtfotografie, die Reportagen und die Serie Das Denkmal hinaus hat Sibylle Bergemann ein vielschichtiges Oeuvre geschaffen. Dazu gehört auch die sehr früh beginnende Werkgruppe Fenster, die zunächst ihrer Schüchternheit geschuldet war: „Am Anfang habe ich mich nicht getraut die Menschen direkt zu fotografieren. Also habe ich die Fenster, hinter denen sie leben, fotografiert!“ Aber auch später finden wir in ihrem Werk immer wieder, zum Teil sehr „humorvolle Porträts“ von Fenstern.

Persönlich wichtig war für Sibylle Bergemann das Schloss Hoppenrade im Norden von Berlin, wo sie von 1972 bis 1979 gemeinsam mit dem Fotografen Arno Fischer drei herrschaftliche Räume gemietet hatte. Hoppenrade war Entstehungsort einiger ihrer ikonographischen Modenfotografien. 1976 zog sie mit ihrer Tochter und ihrem späteren Ehemann Arno Fischer in die Wohnung am Schiffbauerdamm 12. Dort lebten sie gemeinsam bis 2004. Die Wohnung war Lebensmittelpunkt und gleichzeitig Labor, Archiv, Künstlertreff, Salon einer lebendigen Fotoszene und Ort der Lehre. Hier trafen sich nicht nur die Kolleginnen und Kollegen aus Ost-Berlin wie Ute und Werner Mahler, Roger Melis, Helga Paris und Christian Borchert, sondern auch internationale Fotografinnen und Fotografen wie Ellen Auerbach, Barbara Klemm, Henri Cartier-Bresson, Helmut Newton, Robert Frank und Josef Koudelka, die bei ihren Besuchen in Ost-Berlin hier Station machten.

1990 gründete Sibylle Bergemann mit 6 weiteren Fotografen und Fotografinnen die Agentur der Fotografen – OSTKREUZ. 1994 wurde sie als Mitglied in die Akademie der Künste in Berlin aufgenommen.

Ihre Fotografien wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen u.a. in der Berlinischen Galerie, Berlin (1992, 2012-2013); bei C|O Berlin (2011); der Kunsthalle Wien (2011); dem Willy-Brandt-Haus, Berlin (2005, 2011); dem Museum of Modern Art, New York (2010); dem LACMA, Los Angeles (2009); dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin (2009); der Akademie der Künste, Berlin (2006/2007); den Deichtorhallen, Hamburg (2003, 2006) und der Pinacoteca, São Paulo (2003) gezeigt.
Seit 2009 läuft die weltweite Tourneeausstellung „Sibylle Bergemann – Photographien“ des Instituts für Auslandsbeziehungen e.V. (IFA), die an mehr als 20 Orten gezeigt wurde und voraussichtlich 2020 endet.
Werke von Sibylle Bergemann befinden sich in folgenden privaten und öffentlichen Sammlungen: Art Collection Deutsche Börse; Berlinische Galerie, Berlin; Centre Régional de la Photographie Nord Pas-de- Calais; Musée de l’Elysée, Lausanne; DZ Bank, Frankfurt am Main; Sammlung F. C. Gundlach, Hamburg; JPMorgan Chase Art Collection; Pinakothek der Moderne, München; Sprengel Museum, Hannover; u.a.

Der Nachlass wird seit 2010 von Bergemanns Tochter Frieda von Wild und Enkeltochter Lily von Wild geführt und seit 2013/2014 in Zusammenarbeit mit der Loock Galerie Berlin aufgearbeitet.

Zur Ausstellung ist ein Buch anlässlich des 75. Geburtstags von Sibylle Bergemann im Kehrer Verlag erschienen.

29. Apr – 10. Sep 2017
Vernissage: Freitag, 28. April, 19-20:30h
Gespräch (Details s.o.): Sonntag, 3. Sep, 17h. Um Anmeldung wird gebeten.

Reinbeckstraße 9, 12459 Berlin
[Oberschöneweide | Treptow-Köpenick]

Öffnungszeiten: Sonntags 11-18 Uhr und für Gruppen ab 10 Personen jederzeit möglich mit vorheriger telefonischer Anmeldung (Tel +49 30 2039 310)

Eintritt: 5 € / ermäßigt 3 €

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COVER FOTO: Wim Wenders, reluctant, unknown photographer, 1971 © Wim Wenders, Courtesy Wim Wenders Stiftung. Ausstellung »Wim Wenders . Sofort Bilder« bei C/O Berlin.

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