PiB Guide Nº39 NOV/DEC 2021 ➽ Now available for order / Jetzt erhältlich!

© Julian Röder, Lichtgebet Am Morgen Der Sommersonnenwendefeier Zur Wiederbelebung Der Vedisch-slawischen Ahnenkultur, Aus Der Serie Licht Und Angst, Krasnojarsk, Sibirien, 2016, Archival Pigment Print, 143 X 96 Cm

Einzelausstellung

»RECHT UND RAUM«

Julian Röder

Ausstellung: 18. November 2016 – 12. Februar 2017
Kuratiert von Dr. Katja Blomberg
+ Rahmenprogramm, s.u.
Öffnungszeiten: Di-So 11-18h, Montags geschlossen
Winterpause: Geöffnet am 25. & 26. Dez 2016 sowie am 1. Jan 2017, und geschlossen am 24. & 31. Dez 2016.
Eintritt: 7 € / ermäßigt 5 € / Familienticket 10 €

Beschreibung

Seit fünfzehn Jahren baut der in Ostberlin aufgewachsene Fotokünstler Julian Röder (Jg. 1981) ein beeindruckendes Werk zum Thema Macht und Ökonomie auf, das bereits internationale Beachtung fand und nun zum ersten Mal in einer größeren Überblicksausstellung in Berlin zu sehen ist.

Nach dem Studium der Fotografie bei Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig entwickelt Röder, der zuvor bei Ostkreuz in Berlin als Fotograf ausgebildet wurde, in den frühen 2000er Jahren die künstlerische Haltung des distanzierten Beobachters. Im Fokus seiner seriellen Arbeiten stehen von Anfang an die subtilen gesellschaftlichen Veränderungen der globalisierten Gegenwart.

Beim G8 Gipfel 2001 in Genua war Röder noch selbst Teil der Demonstranten-­Szene. Mehr und mehr wurde ihm jedoch bewusst, dass er nur mit dem Blick von außen zu relevanten Bildern finden konnte. Er versuchte das einzukreisen, was eigentlich in der Kritik stand. Wie sich im Laufe der Jahre zeigte, verliefen die Protestaktionen mit jedem weiteren G8 Gipfeltreffen jedoch zunehmend ins Leere. Die Veranstalter hatten die Tagungsorte in ländliche Gegenden verlegt, wo die Aktionen schließlich zu puren Verhaltensgesten erstarrten. Über das Mediale hinaus entwickelten die Aktionen kaum noch politische Wirkung. Röder hat diesen Prozess zwischen 2001 und 2008 beobachtet und in „The Summits“ festgehalten.

In „Human Resources“ hat Röder sich dann zwischen 2007 und 2009 auf Konsummessen begeben. Unbemerkt hat er dort Fachkunden und Verkäufer fotografiert und sein Augenmerk in der künstlichen Situation einer Messe ganz auf die Körpersprache der Beteiligten gelenkt. Röder löschte alle Logos und Namen, die im Hintergrund der Bilder erschienen, aus und legte so die Posen der Beteiligten frei, die von Künstlichkeit und medialer Konformität erzählen. Die Beobachteten werden zur Staffage einer austauschbaren Waren-­ und Marketingwelt.

2011 fotografiert Röder für die Serie „World of Warefare“ auf der International Defence Exhibition and Conference, IDEX, der größten Waffenmesse der Welt in Abu Dhabi. Bewusst versucht er in seinen Bildern die Situation bis zum Absurden zu überzeichnen. Ausgerechnet in einer Wüste kommen sich Macht und Ökonomie auf dieser von der Öffentlichkeit abgeschirmten Veranstaltung am nächsten.

In einer weiteren Serie, „Mission and Task“ arbeitet Röder 2012/13 mit Mitteln der Werbefotografie im Freien und setzt dabei Kunstlicht ein. Auf diese Weise führt er die geheime Infrastruktur zur Sicherung europäischer Außengrenzen vor, die wie ein Schutzwall unseres westlichen Wohlstandes fungiert. Unter harmlosen Oberflächen verbergen sich in Zeppelinen oder Heiligen-­Kapellen, hinter Zäunen oder auf Satelliten modernste Überwachungssysteme, die zu Lande, zu Wasser, aus der Luft und aus dem All jeden, der in ihre Nähe kommt, beobachten und taxieren.

Ausstellung und Katalog stellen eine Kooperation zwischen dem Haus am Waldsee und der Akademie der Künste, Berlin dar. Im Rahmen des Ellen-­Auerbach-­Stipendiums der Akademie der Künste hat Julian Röder die neue Serie „Licht und Angst“ verwirklichen können, die in der Ausstellung vorgestellt wird. Dabei führt der Künstler seine Recherche zum Thema Macht und Ökonomie bis in die Bereiche Gedankenfotografie und Verschwörungstheorien fort. Er begibt sich zudem in ein Umfeld irrationaler mystisch überhöhter Gesellschaften, denen Intuition mehr gilt als rationales Denken. Er richtet sein Augenmerk auf Gruppen, für die altgermanische Mythen und magische Orte größere Bedeutung haben, als wissenschaftliche Argumente.

Als mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und somit der Röntgenfotografie Ende des 19. Jahrhunderts erstmals der Blick ins Innere des unversehrten Körpers gelang, lag die Vorstellung nahe, auch das Denken fotografisch abzubilden. Unter dem Begriff „Psychographie“ begann halb Europa um 1895, Gedanken-­ fotografie zu betreiben. Darunter ragte der Nervenarzt Hippolyte Baraduc heraus. Einhundertzwanzig Jahre später stellte im Sommer 2016 einer der vielversprechendsten jungen deutschen Fotokünstler, Julian Röder, die Anordnung Baraducs im Selbstversuch nach. Dabei porträtierte er sich beim Lesen unterschiedlicher Texte aus dem Umfeld völkischer, antisemitischer und faschistischer Literatur selbst. Die während der langen Belichtungszeit von circa achtzig Minuten entstandenen Stirnbilder zeigen wie bei Baraduc unbestimmte, wolkige Hell-­Dunkel-­Zonen. In ihrer abstrakten Erscheinung gleichen sich die historischen und die zeitgenössischen Aufnahmen weitgehend. Im Gegensatz zu seinem Vorbild konnte Röder sein Experiment jedoch in Farbe durchführen und die Ergebnisse im großen Format abziehen. Während Baraduc im Umfeld eines okkulten Milieus des ausgehenden 19. Jahrhunderts von „odischen Wolken“ sprach, interpretiert Röder seine Bilder nüchtern als chemische Reaktion zwischen licht-­ empfindlichem Material, Körpertemperatur sowie Schweiß und Hautfett des Probanden.

Noch ein anderes Feld hat Röder für seine Serie Licht und Angst im Umfeld von Esoterik und Verschwörungstheorie beschritten. Eine Reise führte ihn im Sommer 2016 zur größten Ökosiedlung in Russland. In Krasnodar unweit des Schwarzen Meeres besuchte er eine „Familienlandsiedlung“ der Anastasia-­Bewegung und eine alternative Schule. Die Anastasia-­Bewegung geht auf eine Romanreihe des russischen Autors Wladimir Megre zurück, die zwischen 1996 und 2010 in zehn Bänden erschienen ist und komplett ins Deutsche übersetzt wurde. Was als kleiner Lesezirkel in St. Petersburg begann, ist heute ein internationaler Verbund von alternativen Lebensgemeinschaften, die als „Familienlandsitze“ in Russland, der Ukraine, Weißrussland und Deutschland weit verbreitet sind. Nach der rückwärtsgewandten Utopie aus der Feder eines sich permanent selbst widersprechenden Autors sind inzwischen Hunderte Familienlandsitz-­Gemeinschaften entstanden, die sich heute auch politisch engagieren. Und in seinen populären Büchern prophezeit Megre, dass „nur diejenigen Leute wiedergeboren werden, die einen eigenen Familienlandsitz gebaut haben“. Das Christentum und insbesondere die russisch-­orthodoxe Kirche samt ihrer Symbole stellen nach Megre negative Kräfte dar. Internationale Konzerne, ausländische Sicherheitsdienste und geheime Priester regierten die Welt und richteten sich gegen Anastasia.i Ganz auf das Diesseits fokussiert, das von bösen Mächten regiert und nur durch die rechte Haltung einer konstruierten Romanfigur gerettet werden kann, bindet Megres simples Welterklärungsmodell seine Anhänger an seine Geschichten und seine Person. Kein Wunder, dass Religionswissenschaftler die Anastasia-­Bewegung als totalitäre Sekte bezeichnet haben, die sich unter dem Deckmantel ökologischer Lebensführung an ihren Mitgliedern bereichere.

Bei einem weiteren Selbstversuch baute sich Julian Röder einen sogenannten Chembuster, wie er zur privaten Abwehr von vermeintlich giftigen Kondensstreifen zum Einsatz kommt. Als Bausatz kostet ein solches Gerät in der einfachen Variante bei Ebay 45 Euro, in der „Königsklasse“ bis zu 4100 Euro. Ausgehend von der Vorstellung, dass Flugzeuge der zivilen Luftfahrt insgeheim gesundheitsschädliche Chemikalien zur Reduzierung der Bevölkerungszahl verteilen, dient der Chembuster nach Angaben der Anbieter zur Reinigung der Atmosphäre in einem Umfeld von bis zu 50 Kilometern. Er ist nicht nur Teil der aktuellen Ausstellung, wo er im Haus am Waldsee seine Energie entfaltet, sondern taucht wie zur Abwehr feindlicher Mächte auch in seinen Fotografien der neuen Serie Licht und Angst auf. Eingeweihten dient der Chembuster als Waffe zur Verteidigung einer selbst geschaffenen Wahrheit.

Vor diesem Hintergrund nimmt Röder eine scheinbar affirmative Haltung ein und begibt sich in das System hinein, das er kritisch beleuchten will. Auf der Suche nach bösen Mächten reiste er zunächst an besonders aufgeladene Kraftorte der deutschen Kulturlandschaft: zu den Externsteinen im Teutoburger Wald, zur Wewelsburg bei Paderborn und zu den Kreidefelsen auf Rügen. Alle drei Stätten unterliegen seit dem frühen 19. Jahrhundert einer Mystifizierung, denen heute vor allem romantisch gestimmte Esoteriker sowie politisch rechte Kreise huldigen.

So gegensätzlich die parallel existierenden Welten von Managern, Demonstranten und Esoterikern auf den ersten Blick erscheinen, so überzeugend arbeitet er Gemeinsamkeiten heraus: Das nicht näher definierte Böse gefährdet die Freiheit und das Glück des Einzelnen. Das Feindbild nährt sich aus Behauptungen und Projektionen. Es ist somit Konstrukt menschlicher Imagination.

Es erscheint ein zweisprachiger Katalog, Verlag Walther König, Köln. 80 Seiten, Deutsch/Englisch, € 18. Diese Publikation wurde durch das Preisgeld des Ellen-­Auerbach-­Stipendiums der Akademie der Künste Berlin ermöglicht.

Rahmenprogramm (2017)

Mittwoch, 11. Januar + Mittwoch, 8. Februar 2017, 18:30h
Führung im Dialog mit dem Publikum, mit Yella Hoepfner

Donnerstag, 26. Januar 2017, 19:30h
Künstleressen
Ein Drei-Gänge-Dinner in der laufenden Ausstellung mit dem Fotokünstler Julian Röder, der Direktorin des HaW, Katja Blomberg, und Gästen.

Samstag, 4. Februar 2017, 14-17h
Familiensamstag mit Workshop

Für weitere Details zu den begleitenden Veranstaltungen besuche die Haus am Waldsee Website.

Event Details

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