Einzelausstellung

»Mobile Churches«

Anton Roland Laub

Bukarest in den 1980er Jahren. Mehrere Jahre lang wendet Ceaușescu sein Programm der »Systematisierung« auf die rumänische Hauptstadt an: ein Drittel des historischen Zentrums wird dem Erdboden gleichgemacht, um imposante Gebäude zu errichten und breite Alleen zu Ehren des Regimes zu ziehen. Trotz besonderer Verbissenheit im Umgang mit den Kirchen bleiben sieben von ihnen verschont, wobei ihnen eine ebenso außergewöhnliche wie absurde Behandlung widerfährt: sie werden auf Schienen gehoben, versetzt und hinter Wohnblöcken versteckt. Andere Sakralbauten, wie die Große „Polnische“ Synagoge, werden von sozialistischen Plattenbauten verdeckt. Aus dem Stadtbild gelöscht, führen sie ein geheimes Leben in einer verschachtelten Architektur, die die heutige Stadtlandschaft prägt.

Die vorliegende kritische Bestandsaufnahme verbindet aktuelle Fotografien mit Archivmaterial und beleuchtet eine wenig bekannte, doch faszinierende politische Stadtgeschichte. Die Serie erhält eine besondere Resonanz in der Berliner Kapelle der Versöhnung, die auf dem Fundament der ehemaligen Versöhnungskirche erbaut wurde, eines historischen Gebäudes, das 1985 vom SED-Regime gesprengt wurde und so das Schicksal von vielen Bukarester Kirchen teilt.

Eine Ausstellung der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Berlin-Wedding und der Stiftung Berliner Mauer. In Zusammenarbeit mit dem Rumänischen Kulturinstitut Berlin.

Die Ausstellung ist Teil des Programms des MakeCity Festivals 2018 in Berlin (14. Juni – 1. Juli).

Das Buch Mobile Churches ist im Kehrer Verlag, Heidelberg erschienen.

Neben den sieben versetzten Kirchen von Bukarest wurden zwanzig weitere Kirchen sowie drei Klöster und drei Synagogen unter dem kommunistischen Regime von Ceaușescu zerstört. Sie teilten so das Schicksal mehrerer Kirchen in der DDR, wie der Versöhnungskirche, der Georgenkirche und der Petrikirche in Berlin-Mitte und anderer etwa in Ost-Berlin, Rostock und Leipzig. Sowohl die Ceaușescu-Diktatur wie auch die der SED stellten sich ideologisch und politisch gegen die Kirche. Die Kirchenbauten waren Opfer der ambitionierten Städteplanung beider Regierungen und deren Anspruch, in das kollektive Gedächtnis ihrer Völker einzugreifen und ihre vertrauten Symbole zu vernichten.

In Bukarest war die Versetzung von Gebäuden auf Schienen eine besonders überraschende Lösung. Durch ein komplexes technisches Verfahren wurden so von 1982 bis 1989 sieben Kirchen gerettet. Doch ist die Absicht der Verbannung dieser Kirchen aus ihrem historischen und kulturellen Umfeld nicht zu übersehen. Indem sie aus ihren räumlichen Zusammenhängen herausgelöst wurden, ist ihnen ihre symbolische Dimension weitgehend abhanden gekommen. Andere Sakralbauten wurden zwar nicht versetzt, wie die Große „Polnische“ Synagoge, aber ebenso hinter hohe Wohnblöcke verdrängt. Aktuelle fotografische Aufnahmen der Kirchen und der Synagoge vermitteln einen vergleichbar trostlosen Aspekt wie Archivfotos der hiesigen Versöhnungskirche, die das eingesperrte, 1985 gesprengte Gebäude im Todesstreifen zwischen der sogenannten „Grenz-„ und „Hinterlandmauer“ dokumentieren.

Heute sind die Gründe, die zur Zerstörung von Kirchen in der DDR führten, Gegenstand historischer Forschung. In Berlin wurde auf dem Fundament der einstigen Versöhnungskirche eine Kapelle von bescheidenen Proportionen erbaut. In Rumänien dient die Willkür Ceaușescus immer noch als einzige Erklärung für die geopferten Gebäude, während in Bukarest derzeit eine monumentale Kathedrale errichtet wird, die durch ihre Größe mit Ceaușescus pharaonenhaftem Haus der Republik konkurrieren soll, das zuvor die Zerstörung der Stadt gerechtfertigt hatte.

Anton Roland Laub ist in Bukarest geboren und aufgewachsen. Seit 2000 lebt er in Deutschland, wo er an der Neuen Schule für Fotografie und der Kunsthochschule Weissensee in Berlin studiert hat. Die Geschichte von Bukarest – besonders in ihrer Brechung durch das Prisma des Urbanismus – sowie die Stigmata des diktatorischen Regimes von Ceaușescu bilden einen der Schwerpunkte in seiner fotografischen Arbeit.

Sonia Voss, Kuratorin und Autorin, lebt in Paris und Berlin. Jüngste Projekte: Anton Roland Laub. Mobile Churches, Rencontres de la Photographie / Nouveau Prix Découverte, Arles 2018 & Église Saint-Germain-des-Prés / Photo Saint-Germain, Paris 2017, Curators’ Choice, Springer Galerie, Berlin 2018, Déjà Vu. Thibault Brunet. Isabelle Le Minh, Kehrer Galerie, Berlin 2018, Sophie Calle. Beau doublé, Monsieur le marquis !, Musée de la Chasse et la Nature, Paris 2017-2018, Josef Koudelka. Invasion/Exiles/Wall, C/O, Berlin 2017, George Shiras. L’Intérieur de la nuit, Musée de la Chasse et la Nature, Paris 2015- 2016.

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5. Juni — 19. August 2018
Vernissage: Dienstag, 5. Juni, 19-22h

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Bernauer Straße 4, 10115 Berlin
[Mitte | Mitte]

Öffnungszeiten: Di-So 10-17h (außer bei Gottesdiensten)

Eintritt frei

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