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Einzelausstellung

»DISCO«

The Bill Bernstein Photographs – NYC 1977 to 1979

Kuratiert von Kirsten Landwehr & Arman Naféei

Das New York der Siebzigerjahre, eine Stadt in der Krise. Während die Metropole auf den finanziellen Ruin zusteuert, tobt in den Nachtclubs des Big Apple das wilde Leben. Freiheit, Party, Exzess, Toleranz – hier feiert eine ganze Szene zu den unausgesprochenen Gesetzen von Gleichberechtigung, Akzeptanz und Ausgelassenheit. Zu dieser Zeit ist auch der Fotograf Bill Bernstein regelmäßig in den Nachtclubs der Stadt unterwegs, er fotografiert im legendären Studio 54, aber auch im Paradise Garage, im Mudd Club, in der Empire Roller Disco. Bernsteins Aufnahmen erzählen von einem Zeitfenster der Sorglosigkeit, das kurz, aber intensiv währte. Was seine Bilder einzigartig macht, ist vor allem der Blick auf die Nebenschauplätze. Hier treten nicht die Celebrities in den Vordergrund, sondern die vielen unterschiedlichen Gestalten, die das New Yorker Nachtleben in diesen Jahren prägten und die Tanzflächen füllten. Nachdem Bernsteins Aufnahmen aus den Jahren 1977-1979 vergangenes Jahr im New Yorker Museum of Sex zu sehen waren, zeigt die Galerie für Moderne Fotografie sie nun zum ersten Mal in Berlin.

Anneli Botz: Ihre Aufnahmen aus der Serie The Bill Bernstein Photographs – NYC 1977 to 1979 zeigen die New Yorker Partyszene der späten Siebzigerjahre. Nun, über 35 Jahre später, stellen Sie jene Bilder in Berlin aus. Warum ausgerechnet hier?
Bill Bernstein: Als ich zum ersten Mal nachts in der New Yorker Clubszene unterwegs war, fotografierte ich ein Paar, dessen Look mich gleich an das Berlin der zwanziger Jahre erinnerte, so wie im Film Kabarett. Ein Mann und eine Frau, beide im Frack, markant geschminkt, androgyn und unangepasst. Sie verkörperten für mich die freie Ausgehkultur und das exzessive Leben der wilden Zwanziger in Berlin. Und das wiederum erschien mir parallel zu dem, was damals in New York passierte. Seither bestand für mich diese Beziehung zu Berlin.
AB: Wie war denn das New York City der damaligen Zeit?
BB: New York City war eine Stadt im Notstand, kurz vor dem finanziellen Ruin, mit einer hohen Kriminalitätsrate. Der Dreck stapelte sich vor den Türen, da sich die Müllabfuhr im Dauerstreik befand. Es gab zu wenig Polizisten und nicht genug Feuerwehrmänner, ständig brannte es irgendwo und die Wände der Straßen waren voll mit Graffiti. Aber zugleich war die Stadt ein günstiges Pflaster, hier lebten viele Künstler, die Dichte an Kreativität war allgegenwärtig. Im Gegensatz zur finanziellen Pleite stand die kreative Entfaltung. Hinzu kam das Erstarken wichtiger Randgruppen; die LGTB- , die Frauen- und die Afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung gewannen zum ersten Mal wirklich an Einfluss. Während sich die Stadt nach außen hin in der Rezession befand, feierten die Menschen in den Clubs die Maßlosigkeit, sich selbst und das Leben. Es war, als ob die lange unterdrückten Subkulturen hier ihren Siegestanz aufführten. Auch die Musik, die in dieser Zeit aufkam, war sehr beflügelnd und hatte nichts mit einer negativen Protesthaltung zu tun.
AB: Also eine einzige große Party. Wie war es für Sie, in den Clubs zu fotografieren?
BB: Am schwersten war es eigentlich, in die einzelnen Läden reinzukommen, zum Beispiel ins Studio 54. Aber nach einiger Zeit kannte man mich dort. Zu dieser Zeit gab es auch nicht wirklich viele Fotografen, die nachts unterwegs waren – Kameras und Blitzlicht waren eher eine Seltenheit. Oft war ich der einzige mit einer Kamera und man akzeptierte mich einfach so. Auch ist mir nie jemand begegnet, der Nein gesagt hätte, wenn ich ihn nach einem Foto gefragt habe.
AB: Wie unterschieden sich die einzelnen Clubs.?
BB: Wenn man mal von den Extremen ausgeht, dann hatte man auf der einen Seite das Studio 54, als einen professionellen High-End-Club, mit einer Mischung aus Celebrities und schönen New Yorkern, LGBTS, und vielen Posern. Ein Großteil kam, um gesehen zu werden, um Drogen zu nehmen und Sex zu haben. Es hatte auch etwas statusträchtiges, dort zu sein, denn es war ja immerhin der bekannteste Laden in diesen Jahren. Dann gab es GG’s Barnum Room, der eigentlich als eine Transgender-Disko begonnen hatte, aber schnell bei einem breiten Publikum populär wurde. Ich liebte diesen Club. Er hatte etwas von einem Zirkus, mit einem Netz über der Tanzfläche und Transsexuellen Performern, den sogenannten Disco Bats, die auf Trapezen schwangen.
AB: Wie hieß der Club, in dem der DJ Larry Levan auflegte?
BB: Das war das Paradise Garage in der King Street – eine Disko, die sich in einer ehemaligen Garage befand und insbesondere für die schwarze schwule Community ein wichtiger Treffpunkt war. Viele kamen wegen Larry Levan und seiner Musik, denn ins Paradise Garage gingen die Leute vor allem, um bis zum frühen Morgen durchzutanzen. Da die Besitzer keine Lizenz zum Ausschank von Alkohol hatten, gab es hier nur Säfte und Obst. Das Publikum brachte sich seine eigenen Drogen mit, vornehmlich Poppers, Kokain oder Marihuana.
AB: Was war damals der musikalische Gegenpol zur Diskomusik?
BB: In Tribeca fotografierte ich viel im Mudd Club, der eigentlich eine Art Anti-Diskothek darstellte. Dort wurde vor allem New Wave und Punkrock gespielt, es war quasi New Yorks Antwort auf britischen Punk, wobei es hier mehr um die Pose und den Look, als um eine antimaterialistische Geisteshaltung ging. Nichtsdestotrotz hasste man im Mudd Club alles, was mit dem Studio 54 zu tun hatte.
AB: Einige Ihrer Aufnahmen stammen aus der Rollerdisko.
BB: In New York gab es viele sehr gute Rollschuhläufer, die sich zum Feiern trafen und untereinander ihre Tricks vorführten. Ich war vor allem viel in der Empire Roller Disco in Brooklyn, in der sich insbesondere Afroamerikaner zum Skaten einfanden. Dort herrschte eine Stimmung freundlicher Konkurrenz, die Luft stand vor Schweiß, das Publikum war voller Energie.
AB: Empfanden Sie sich damals als der Szene zugehörig, oder eher als eine Art Beobachter?
BB: Ich war Journalist, beobachtete, machte Notizen. Dennoch fühlte ich mich akzeptiert. Was mich gleich in der ersten Nacht angezogen hatte, war eben jenes Gefühl von Freiheit, sich so ausdrücken zu können, wie man wollte. Da war eine Art der Zugehörigkeit, wie sie mir zuvor noch nie begegnet war, nirgendwo.
AB: Und dabei stammen Sie aus der Woodstock-Generation.
BB: Ganz genau. Ich dachte, wir wären schon sehr tolerant gewesen. Aber tatsächlich war meine Generation stark von Doktrin durchzogen. Man musste ja immer Anti-Alles sein. Anti- Establishment, Anti-Vietnam, Antikrieg, Antimaterialismus, Anti-kurze-Haare. Die Szene der späten Siebziger in New York City war da ganz anders weltoffen. Alles spielte sich in den knappen Zeitfenster nach Stonewall, also den Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Homo- und Transsexuellen, sowie vor der AIDS Epidemie ab. Es ging um Gleichberechtigung und Sex, für kurze Zeit war alles möglich.
AB: Was machte für Sie damals ein besonderes Foto aus?
BB: Als Fotograf sucht man ja immer nach dem Ungewöhnlichen. So auch ich. Als ich zum ersten Mal ins Studio 54 ging, war dort eine lange Schlange an Paparazzi, die alle nichts anderes im Sinn hatten, als irgendwie einen Star abzulichten. Da wurde jede Bewegung dokumentiert. Aber ich hatte keinerlei Interesse an diesem Wrestling-Match mit den anderen Fotografen, mir ging es nicht darum, Andy Warhol dabei zu fotografieren, wie er mit Mick Jagger auf der Couch saß. Als Porträtfotograf wollte ich Mick Jagger wenn dann in meinem Studio sitzen haben, mit richtigem Licht und anständigem Equipment, in persönlicher Interaktion. In den Clubs interessierten mich viel mehr die anderen Menschen, mit denen ja auch wiederum die Celebrities feiern wollten, weil sie den Vibe mitbrachten. Daher fokussierte ich mich komplett auf das, was neben den Stars und vor allem in den Underground-Läden geschah.
AB: Was Ihre Fotografien nachträglich auch grundlegend von anderen Aufnahmen dieser Zeit unterscheidet. Schauen Sie eigentlich nostalgisch auf diese Jahre, 1977-1979, zurück, oder fehlt da nichts?
BB: Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, dann würde ich es wahrscheinlich bereuen. Aber zurückgehen möchte ich nicht; ich denke doch, dass sich unsere Kultur extrem weiterentwickelt hat. Denn auch wenn auf der Tanzfläche, Homo-, Hetero- und Transsexuelle fröhlich nebeneinander tanzten und Frauen und Schwarze dort nicht diskriminiert wurden, so endete diese Gleichberechtigung doch ziemlich schnell, sobald die Clubtür ins Schloss gefallen war. Auf den Straßen regierten nach wie vor Diskriminierung und Rassismus, von Gleichberechtigung konnte da keine Rede sein. Ich denke, ganz allgemein ist die Welt heute ein besserer Ort, auch wenn es scheinbar aktuell Bewegungen gibt, die versuchen, alles ein Stück weit zurück zu bringen, aber das wird vergehen. Ich bin der Überzeugung, die Menschen wollen eigentlich eine Welt der Zugehörigkeit, Toleranz und Akzeptanz.

Als Co-Kurator Arman Naféei 2018 im Museum of Sex in New York auf die Aufnahmen Bill Bernsteins trifft, erkennt er schnell, dass es sich hierbei um besondere Zeitzeugnisse handelt. Gemeinsam mit Galeristin Kirsten Landwehr, die schon seit einigen Jahren mit den Arbeiten des amerikanischen Fotografen vertraut ist, beschließt er, Bernsteins Wunsch einer Ausstellung in Berlin nachzukommen. In der Galerie für Moderne Fotografie in Berlin-Mitte wird Bernsteins Serie The Bill Bernstein Photographs – NYC 1977 to 1979 ab dem 27. September zu sehen sein. Den großen Auftakt zur Ausstellung macht das Opening am 26. September sowohl in der Galerie für Moderne Fotografie als auch anschliessend im 25hours Hotel Bikini Berlin der 25hours Hotels Gruppe, die bereits 30 Arbeiten Bernsteins in ihre Sammlung aufgenommen hat. In der legendären Monkey Bar werden sich an diesem Abend diverse DJs, darunter Nicky Siano sowie Arman Nafeei, die Ehre geben und das Disco Fieber mit neuen wie alten Hits gebührend aufleben lassen.

Text: Anneli Botz

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte
Kirsten Landwehr moc.e1660784621ifarg1660784621otofe1660784621nredo1660784621mreuf1660784621eirel1660784621ag@li1660784621am1660784621

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27. Sep — 24. Nov 2018
Vernissage: Mittwoch, 26. Sep, 18-20h
Galerie für Moderne Fotografie, Schröderstraße 13, 10115 Berlin [Mitte]
Empfang & (After-)Party: Mittwoch, 26. Sep, 20h – spät
Monkey Bar / 25hours Hotel Bikini Berlin, Budapester Str. 40, 10787 Berlin [Charlottenburg]

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Schröderstraße 13, 10115 Berlin
[Mitte | Mitte]

Öffnungszeiten: Do-Sa 12-18h, und nach Vereinbarung

Eintritt frei

Vergangene Ausstellung

»Female Female«

Aino Laberenz, Amira Fritz, Atlanta Rascher, branimir, Camille Vivier, Frederike Helwig, Katja Rahlwes, Kristin Loschert, Lottermann and Fuentes, Simone Gilges, Ute Mahler
23. März — 26. Mai 2018

Vergangene Ausstellung

Ludwig Schirmer »Mensch-Maschine«

8. Juni — 28. Juli 2018
(+ im August nach Vereinbarung)

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