Olympic (2013-2015), Fuji Polaroids Auf Fabric-Samples, Unikat © Camille Vivier

Einzelausstellung

»Simili«

Camille Vivier

Vernissage: Donnerstag, 10. März 2016, 19h
Ausstellung: 11. März – 22. April 2016
Öffnungszeiten: Do-Sa 12-18h, und nach Vereinbarung
Eintritt frei

Beschreibung

Es gibt einen kleinen Film im Internet, eine fünf Jahre alte, zwanzigminütige Dokumentation des Fernsehsenders Arte, in dem sieht man die Pariser Fotografin Camille Vivier bei der Arbeit. Man sieht sie im Studio, wie sie konzentriert durch ihre analoge Kamera blickt, abdrückt, neu aufzieht, nochmal schaut, nochmal drückt. Vor ihr sitzt eine nackte junge Frau, grell beleuchtet mit einer Vase auf dem Arm. Man sieht Vivier durch die Straßen von Paris schlendern, immer auf der Suche: nach Orten, nach Objekten, nach dem Ungewöhnlichen, dem Skurrilen, dem Surrealen im Alltag. Und man hört sie von ihrer Arbeit sprechen, von dem was sie bestimmt:

Meine Bilder sind immer fiktiv, nie dokumentarisch. Meine Models werden zu Darstellern. Ich mag das Theatralische.”

Die gleichen Sätze sagt sie bis heute und auch ihre Sujets haben sich kaum verändert. Man findet sie noch immer, die nackten Frauenkörper in kahlen Räumen, die kuriosen Gegenstände, die seltsamen Orte mit noch seltsameren Skulpturen auf die sie oft durch Zufall stößt. Und man findet noch immer die gleiche verträumte Welt, die nicht so ganz von heute sein will. Wer sich durch das Portfolio der französischen Fotografin Camille Vivier blättert, ist schnell dazu verleitet zu tun was man oft tut. Man will ihre Kunst mit der von berühmten Männern vergleichen. Etwa mit David Lynch und seinen poppig morbiden Stimmungen. Mit Guy Bourdin und seiner überartifiziellen Inszenierung der Frauen. Mit Man Ray und seinem Verwirrspiel zwischen belebtem und unbelebtem Körper. Sogar mit Michelangelo Antonioni und seinen scharfen Ausschnitten, der melancholischen Langsamkeit seines Kameraschwungs. Und ganz selten denkt man auch an Helmut Newton. Man will ihr allerlei Paten zusprechen, nur ist Camille Vivier all dies genau nicht: ein Mann, der auf Frauen blickt. Vivier ist eine junge Frau, die auf andere junge Frauen blickt.

Müsste ich mir ein ideales Lebensstadium aussuchen, es wäre wahrscheinlich die des Teenagers“, sagt sie, „mit allem was das impliziert: die Melancholie, der Schwierigkeit, dem Schmerz des Frau- Werdens.”

Diese latent durchschimmernde Düsterkeit in einer eigentlich heiteren, verspielten Welt macht viele von Viviers Bildern aus. Genau das macht sie so anziehend. Sie sind wie die Erinnerungen, wie ein Ausschnitt aus einer Geschichte, einem Film von dem man nur einen kurzen Moment erhascht. So auch in einer ihrer neuesten Serien, die sie ab 10. März im Rahmen der Ausstellung „Simili“ in der Galerie für Moderne Fotografie zeigt: „Olympic“. Der Name geht auf Stoffproben aus einem amerikanischen Katalog der siebziger Jahre zurück, jedes Blatt ist mit einem Stempel versehen: „2149 Olympic Blvd, Los Angeles“. Sie fand ihn durch Zufall bei sich Zuhause und beklebte die Stücke mit ihren über Jahre hinweg als Studien gesammelten Polaroids nackter Frauen. Zusammengelegt wirken die Elemente wie Hinweise auf ein Rätsel dessen Frage wir nicht kennen. „Für mich evozieren die Stoffproben den Mythos von Hollywood, den Glamour, die Dekadenz“, sagt die Fotografin.

Genau diese Dekadenz sucht Vivier in Paris gerne dort wo man sie nicht erwartet: In der Banlieue, einem für die geborene Pariserin „exotischen“ Ort. Mit ihrer Kamera bewaffnet durchstreift sie die Vororte, fotografiert skurrile Auftragsskulpturen und Architekturausschnitte. Das faktische wird durch ihren Blick abstrakt, die Tristesse zu etwas Poetischem. Vivier nennt diese Verfremdung, die poetische Überspitzung ihrer Sujets „Simili“, französisch für „fake“: Etwas, das vorgibt etwas Anderes zu sein. Eine Treppe wird zur Frauenbrust, ein Höhleneingang zum Maul eines Monsters, banale Materialien tarnen sich als hochwertig. Für „Sample“, eine andere im Rahmen der Ausstellung gezeigten Serie, kombiniert sie diese auf Spaziergängen und Reisen angefertigten Bilder mit Polaroids von konstruktivistischen Marionetten des italienischen Künstlers Luigi di Veronesi. Diesmal klebt sie sie auf monochrome Pappstücke, jene Flächen die Aquarellmaler gerne als Rahmen ihrer Bilder nutzen. „Es könnte etwas von einem Kinderbuch haben“, sagt sie, „und dann aber eben auch überhaupt nicht, weil Veronesis Marionetten doch auch leicht beunruhigend sind. Ich mag diese Ambiguität.“ Das Bizarre, das Theatralische, die Weiblichkeit inszenieren wie es vielleicht nur eine Frau kann – all dies macht Viviers Welt so besonders. In sie einzutauchen ist ein Genuss.

Text: Annabelle Hirsch

Kommende Ausstellung: Ingar Krauss »JENA PARADIES«
Vernissage: Donnerstag, 28. April 2016, 19-21h

Event Details

Olympic (2013-2015), Fuji Polaroids auf Fabric-Samples, Unikat © Camille Vivier
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Schröderstraße 13, 10115 Berlin, Germany

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