Einzelausstellung

Thilo Westermann

Kuratiert von Hans-Jörg Clement.
Eine Ausstellung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

In einem handwerklich einmaligen Prozess führt Thilo Westermann den Betrachter in ein Verwirrspiel aus Realität, Ideal und Illusion. Was sich vordergründig als dekoratives Stillleben verkleidet, ist eine durchreflektierte Sicht und Umsetzung der Idee des Unikats und des Versuchs, die Komplexität von kultureller Identität abzubilden. Jeder Arbeitsschritt, buchstäblich jeder Punkt ist von fast manisch-akkurater Perfektion – um im nächsten Zug genau diese subtil zu unterlaufen und den individuell-künstlerischen Duktus sichtbar zu machen. Westermanns Verschichtung von Hinterglasmalerei und Fotographie ist ein Ereignis, das die Vorstellung von Ästhetik auf höchstem künstlerischen Niveau transzendiert.

Thilo Westermann, 1980 in Weiden geboren, wurde 2007 an der Akademie der Künste in Nürnberg zum Meisterschüler ernannt. 2017 war er Träger des Stipendiums des Trustee Programms EHF 2010 der Konrad Adenauer Stiftung. Seine Ausbildung führte ihn u.a. nach Shanghai, Singapur und New York. Der Künstler stellt national und international aus, ist in mehreren öffentlichen Sammlungen vertreten, lebt und arbeitet in Berlin und Nürnberg.

Text: Hans-Jörg Clement, Kurator der Ausstellung.

Im Folgenden ein Essay von Tobias Weber zu Thilo Westermann:

Thilo Westermann im Lab der Galerie EIGEN + ART Berlin

Die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. präsentiert in Kooperation mit dem Lab der EIGEN + ART Galerie zwischen 24. Mai und 16. Juni 2018 eine Einzelausstellung des in Berlin lebenden Künstlers Thilo Westermann (*1980). Neben den bereits bekannten Hinterglasmalereien sind vor allem Westermanns Fotoarbeiten zu sehen, auf die im Folgenden nach einem kurzen Exkurs über Westermanns generellen Schaffensprozess näher eingegangen wird.

Zunächst radiert Thilo Westermann mit einer Nadel die Motive seiner Hinterglasgemälde in einem langwierigen Prozess Punkt für Punkt aus rückwärtig geschwärzten Glasscheiben heraus, welche er anschließend mit einer weißen Farbfläche hinterlegt um die Punkte sichtbar zu machen. Im Auge des Betrachters verschmelzen die winzigen Punkte schließlich zu grauen Zwischentönen, die Westermanns Motive wie dreidimensionale, hinter Glas eingeschlossene Objekte wirken lassen. Nachdem Westermann eine Malerei fertiggestellt hat, lässt er diese scannen und um das Sechsfache vergrößert ein einziges Mal drucken. Wie beim Blick durch eine Lupe werden die Punkte so als handwerkliche Setzungen offenbar. Thematisieren Westermanns Bilder auf Motivebene interkulturelle Aneignungsmechanismen, enthüllen seine Unikatdrucke die eigene künstlerische Praxis als Bemühen, ein möglichst „schönes“ Bild zu schaffen.

In seiner Fotoserie Ensembles präsentiert Westermann die eigenen Hinterglasgemälde und Buntstiftzeichnungen in neuen Zusammenhängen. Er hält hierfür zunächst die Atmosphäre ausgewählter Orte in einer Vielzahl von detaillierten Nahaufnahmen fest, um diese einzelnen fotografischen Impressionen anschließend im Atelier digital zu großformatigen Tableaus zusammenzusetzen. Anders als wie wenn er seine Gemälde und Zeichnungen an einem bestimmten Ort tatsächlich aufstellen und fotografieren würde, erlaubt ihm dieser aufwändige Prozess des komprimierenden Collagierens, unterschiedliche Blickwinkel und die während des Fotografierens verstreichende Zeit einzubeziehen. Seine Ensembles übersteigen daneben auch in ihrer Narrativität die rein dokumentarische Fotografie und ähneln somit vielmehr den eigenen Gemälden.
Für das Fototableau „o.T. (Bougainvillea)“ und „Vanitas (Vanda Coerulea)“ im Haus eines Sammlers, Maremma 2016 fügte Westermann so rund 30 Einzelaufnahmen eines Holztisches, unterschiedlicher Lavendelzweige, mit denen die Frau des im Bildtitel erwähnten Sammlers gerne ihre Villa dekoriert, und mehrerer Drucke des amerikanischen Künstlers Cy Twombly, von dem der Sammler eine Reihe von Arbeiten erworben hatte, aneinander. All diese Eindrücke, die Westermann tatsächlich in der Toskana vorgefunden hatte, komprimierte er zu einem neuen, spezifischen Umfeld, in dem sein Hinterglasgemälde Vanitas (Vanda Coerulea) sowie seine Buntstiftzeichnung o.T. (Bougainvillea) plötzlich mit dem Vanitas-Moment des alten Möbels und der abgefallenen Lavendelblätter korrespondieren. Auch Westermanns langjährige Beschäftigung mit dem Medium der Hinterglasmalerei findet ihren Niederschlag, da sich der Künstler in der Scheibe seiner fotografierten Hinterglasmalerei nur in der intimen, kleinformatigen Papieredition spiegelt. Im großformatigen Tableau fehlt die porträtähnliche Spiegelung. Hinter Plexiglas kaschiert, spiegelt das große Format jedoch den Betrachter. Indem dieser die einzelnen Bildelemente wahrnimmt und in Gedanken miteinander verbindet, kreiert er eine eigene Bildwahrheit und wird somit selbst zum Bildproduzenten.

Zwei Jahre vor Entstehung der Arbeit „o.T. (Bougainvillea)“ und „Vanitas (Vanda Coerulea)“ im Haus eines Sammlers, Maremma 2016 hatte Westermann bei einem Studienaufenthalt in New York eine Tuschemalerei des chinesischen Meisters Ma Lin kopiert, die damals im Metropolitan Museum of Art ausgestellt war. Zugleich dokumentierte er den musealen Ausstellungsort des chinesischen Originals, an dessen Stelle er in seinem Fototableau „Chinesische Orchidee (Hommage an Ma Lin)“ im Metropolitan Museum of Art, New York 2014 schließlich die eigene Kopie rückte. Entsprechend nennt das im Museum vorgefundene Schild nun Westermanns Arbeit, zitiert dabei aber auch die ursprüngliche Beschreibung des chinesischen Originals: „This orchid painting originates from an ink on silk painting by Southern Song dynasty painter Ma Lin (ca. 1180–1256), who excelled at making crystalline images of flowers, stripped way extraneous elements to allow a boldly composed image to shine. By appropriating the motif and transferring it into his technique of reverse glass painting, Westermann not only pays tribute to the old Chinese tradition of copying master painter‘s works, but also recreates the flower motif through the meticulous placement of dots.“ In einer abschließenden Sonderzeile weist Westermanns Fotoarbeit das im Museum entdeckte Ausgangsbild detailliert als „related art work: C.C. Wang Family, Gift of The Dillon Fund, 1973 (1973.120.10)“ aus.
In der Berliner Ausstellung ist die Fotoarbeit „Chinesische Orchidee (Hommage an Ma Lin)“ im Metropolitan Museum of Art, New York 2014 nicht nur neben der ursprünglichen Hinterglasmalerei Chinesische Orchidee (Hommage an Ma Lin) und dem zugehörigen Unikatdruck, sondern auch neben der fotografischen Arbeit „Chinesische Orchidee (Hommage an Ma Lin)“ im Konferenzraum der KochInvest Unternehmensgruppe, Nürnberg 2016 zu sehen. Westermanns schwarz-weiße Hinterglasmalerei schlüpft hier in eine neue Rolle und vermittelt zwischen einem künstlichen Kirschblütenstrauß und dem durch einen Lamellenrollo gleichsam vergitterten Blick aus dem Fenster des Konferenzraumes auf den davor grünenden Baum. Die Doppelung der Motive und die Wanderung desselben Motivs von einem Bild bzw. Medium ins nächste „führt (…) den Betrachter in ein Verwirrspiel aus Realität, Ideal und Illusion. Was sich vordergründig als dekoratives Stillleben verkleidet, ist eine durchreflektierte Sicht und Umsetzung der Idee des Unikats und des Versuchs, die Komplexität von kultureller Identität abzubilden“ (Hans-Jörg Clement, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Kurator der Ausstellung).

Die Ausstellung im Lab der EIGEN + ART Galerie setzt damit konsequent fort, was in Westermanns Künstlerbuch Vanitas (2015) grundgelegt war. Es handelt sich hierbei um ein bilderreiches Werk in Hochglanzoptik, das über die reine Reproduktion der eigenen Arbeiten – und somit über das Format des konventionellen Ausstellungskataloges – hinausführt. Für das Layout hatte Westermann Bilder aus dem eigenen Fotoarchiv, die zumeist Studio- oder Ausstellungssituationen dokumentieren, mit Reproduktionen von Arbeiten der Werkreihe Ensembles vereint und diese mit Bildern aus offiziellen Bilddatenbanken, die u.a. die US-amerikanische Schauspielerin Kelly Rutherford oder das brasilianische Model Camila Alves beim Besuch von Westermanns Ausstellung präsentieren, flankiert. Wird die Publikation in Leserichtung von vorne nach hinten geblättert, ergibt sich ein enges Netz aus Bezügen und Verweisen, die die Bilder der Ensembles-Reihe mit den Reproduktionen der Gemälde und Buntstiftzeichnungen sowie mit dem dokumentarischen Bildmaterial verweben. Es entsteht der Eindruck eines Hochglanzmagazins, der sich jedoch zuletzt auflöst indem das Buch in einem Werkverzeichnis endet, das die Bildstrecken entschlüsseln hilft. Hier sind weder die Ausstellungs- und Studiodokumentationen noch die Paparazzifotos verzeichnet, sondern allein Westermanns eigenständige Kunstwerke.

Tobias Weber

25. Mai — 16. Juni 2018
Vernissage: Donnerstag, 24. Mai, 18-21h

Torstraße 220, 10115 Berlin
[Mitte | Mitte]

Öffnungszeiten: Di-Fr 14-18h, Sa 11-18h

Eintritt frei

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Berlin | Mitte

COVER FOTO PiB Guide Nº19: Wim Wenders, reluctant, unknown photographer, 1971 © Wim Wenders . Courtesy Wim Wenders Stiftung. Ausstellung bei C/O Berlin. Vernissage: Freitag, 6. Juli 2018, 19h

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