© Yusuf Sevinçli, Untitled, 2005, Good Dog 007, Pigment Print, 75 X 50 Cm

Gruppenausstellung

»Grüße von hier aus: Territorien des Engagements«

Ali Taptık, Buğra Erol, Joana Kohen, Seza Bali, Yusuf Sevinçli, Zeynep Beler

Vernissage: Freitag, 21. Oktober 2016, 18h (Facebook Event)
Ausstellung: 22. Oktober – 23. Dezember 2016
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-19h, Sa 13-18h, und nach Vereinbarung
Eintritt frei

Beschreibung

Territories of Commitment (Dt.: Territorien des Engagements) bei BERLINARTPROJECTS ist die erste einer Ausstellungsreihe zur aktuellen Fotografie, Greetings From Now On (Dt.: Grüße von hier aus). Diese Edition vereinigt die kritischen Arbeiten sechs in Istanbul lebenden Künstlern. Sie zeigt wie diese mit dem Raum umgehen, in dem sie leben und interagieren. Die sich rasch ausbreitende und aufgewühlte türkische Metropole ist durch den aktuellen komplexen, urbanen und sozialen Kontext geteilt und steht durch die bedeutenden Änderungen, die die Stadt momentan untergeht, am Scheideweg – zwischen globalen Konflikten und der Migrantenkrise.

Eine Vielfalt an Stimmen beinhaltet eine Vielfalt an Intensitäten. Während einige der Künstler ein Archivierungssystem, auf die Geolokalisation basierend, als Andenken an die Familie bilden, kommen bei anderen Arbeiten verlassene Häuser und die hinterlassenen Spuren der Anwesenheit, Ansichten des gegenwärtigen Flaneurs im urbanen Raum, die Abbildung der Krise, Zeichen einer Künstlerin, die für die Individualität im lokalen und globalen Kunstmarkt kämpft oder die Wiederverwendung von archivierten Dias einer Umwelt-NRO vor.

Die Bandbreite der künstlerischen Positionen ist enorm, jedoch sind sie durch ein bestimmtes Engagement und die eigene persönliche Verantwortlichkeit verbunden. Die Positionen sind alle verankert und von einer physischen Realität und dessen Komponenten geführt – vom Territorium als Ort der Untersuchung, Produktion und Aktion1. Die sechs Künstler reagieren auf ihre Umgebung und kommentieren sie zumal mit kritischen Haltungen und immer mit einer individuellen und engagierten Stimme. Sie nähern sich an eine Art existentieller Geographie, indem sie an der Gestaltung des eigenen Territoriums teilnehmen. Sie sind dabei, ihre Positionen als freie Denker zu verteidigen, in einer „Poetik, die permanent erneuert wird durch die psychischen und imaginären Territorien der Intimität“.2

Ali Taptıks Serie The Drift zeigt urbane Landschaften, Bilder der sich permanent ändernden Stadt. Taptıks Arbeiten sind mit einem Gefühl der Instabilität durchdrungen. Sie benutzen Architektur sowie das Territorium des Körpers, um dem Konzept der Krise abstrakte Form zu verleihen. Die Krise nennt der Künstler „die kommunizierbare Krankheit unserer Zeit“. Taptık reagiert insbesondere auf die Migrantenkrise und stellt durch seine Bilder von verfallenen Gebäuden und halbverdeckten Figuren Strategien des Widerstands im urbanen Zusammenhang. Somit schafft er seine eigene Form der Straßenfotografie.

Yusuf Sevinçli ist für seine nachdenklichen monochromen Arbeiten bekannt. Mit Taptık konzeptuell verbunden, erfasst er die Stadt in stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bildern. Aber während Taptık die Idee einer Krise vermitteln will, reagiert Sevincli direkt auf seine Umgebung und drückt intime Gedanken und Gefühle aus. Er läuft langsam durch die Metropole als ob er das schnelle Tempo der Stadt entgegenwirken will. Er taucht im urbanen Raum ein, fängt die Bewegung von Vögeln oder einer Seifenblase vor einem Gebäude ein und formuliert dadurch seine eigene Beziehung zum Territorium in dem er lebt.

Die leerstehenden Häuser der Fotografin und post-internet Künstlerin Zeynep Beler zeigen deutlich ihre Position gegenüber der Immobilienpolitik der Türkei. Im hellen Tageslicht erscheinen die noch nicht realisierten Gebäuden düster und zugleich eindrucksvoll. Die Serie The Estate zeigt die Leere der Strukturen, die Detailansichten von herausgerissenen Rohren und Küchengeräten. Das Leben hat dieses Territorium verlassen bevor es anfangen konnte, dennoch verbleiben die Spuren einer geplanten Zukunft. Neue Muster bilden sich an der Wand, der Staub setzt sich ab. Beler kritisiert in ihren Bildern nicht direkt, sie zeigt das Territorium, das sie durch ihr Objektiv sieht.

Buğra Erols Lichtbox setzt sich mit einem größeren Territorium auseinander und nutzt die Dias aus seiner Zeit als Greenpeace Aktivist, um sein Kunstwerk zu schaffen. Hier verwandelt sich soziales Engagement in künstlerische Überzeugung – ein Beweggrund dient dem anderen. Erol zeigt viele Territorien und viele Orte in seinen Installationen und nutzt seinen persönlichen Einsatz für die Umwelt für sein neues Ziel – die Untersuchung künstlerischer Ausdrucksformen.

Seza Balis One Man Show spricht ein viel intimeres Territorium an. Es handelt sich um eine Serie von Briefen, die Visitenkarten enthalten, die von ihrem Vater, einem reisenden Geschäftsmann in der Türkei, gesammelt worden sind. Die Briefe umfassen verschiedene Städte und Länder und tragen einige Spuren der Abnutzung – die Umschläge sind teilweise zerrissen und haben sich der Form des per Land organisierten Visitenkartenstapels angepasst. Bali deutet hier auf das einzigartige Archivierungssystem ihres Vaters an und benutzt ein vertrautes Beispiel, um ein allgemeines Kommentar über die Art und Weise, wie wir geographischen Raum einordnen, zu geben. Jeder hat seine eigene Art Informationen abzulegen, was auf globaler Ebene zu politischen Konflikten führen kann.

Eine persönliche Herangehensweise charakterisiert auch Joana Kohens künstlerische Praxis. In ihren Arbeiten kämpft sie für ihre Position als Künstlerin in der Türkei und engagiert sich damit auch für den Geschlechtsdiskurs. Somit arbeitet sie sowohl mit einem konzeptionellen Territorium als mit einem politischen. Kohen setzt sich in ihren Werken mit ihrer unmittelbaren sozial-politischen Umgebung anhand zeitbasierter Medien auseinander. 

Text: Katja Taylor

1 Hou Hanrou, Istanbul, Passion, Joy, Fury, 2016; “…die experimentellen Aktivitäten der Kunst-Community Istanbuls nehmen Bezug auf das tägliche urbane Leben – Wohnungen, Häuser, Straßen etc. waren schon immer deren Orte der Produktion und Aktion.“
2 Thierry Paquot, Qu’appelle-t-on un territoire?, in “Le territoire des philosophes”, 2009, Vom Französischen übersetzt.

Biographien

Ali Taptık (1983) ist ein Künstler und Doktorand in Architektur Design an der ITU. Die Repräsentation der urbanen Landschaft und Architektur, die Beziehung zwischen dem Individuum und der Stadt, Psychogeographie und die Interaktion von Literatur und Visualität sind Themen, die ihn beschäftigen. Taptık arbeitet mit Institutionen zusammen, um das sich permanent ändernde Istanbul zu dokumentieren und hat mehrere Bücher dazu veröffentlicht, hierunter Kaza ve Kader (Filigranes Editions, 2009), Depicting Istanbul (Akin Nalca, 2010), There are no failed experiments. (Atelier de Visu, 2012) und Nothing Surprising (Marraine Ginette, 2015. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Institutionen präsentiert, unter anderem bei SALT (Istanbul), MAXXI (Rome), Elliott Erwitt Havana Club 7 Award (UNSEEN Photo festival, Amsterdam), Ashkal Alwan (Beirut) und der Biennale für Architektur in Venedig. Taptık ist einer der Gründer des Bandrolsüz Kollektivs, das Künstlerbücher herausgibt.

Yusuf Sevinçli (1980) hat Dokumentarfotografie studiert und 2004 den Preis Young Photographer of the Year in Schweden gewonnen. Er nahm an mehreren Artist in Residence Porgramme in Frankreich teil und stellt international aus, wie zum Beispiel vor kurzem bei La Filature in Mulhouse, Frankreich, und 5533 Art Space in Istanbul. Er hat an einigen Kunstmessen teilgenommen, Paris Photo in 2015 und Istanbul Contemporary Art Fair in 2014 and wird durch die Galerie Les Filles du Calvaire in Paris vertreten.

Zeynep Beler (1985) ist Graphikdesignerin und Fotografin. Sie hat an mehreren Artist in Residence Programme teilgenommen und stellt viel in Istanbul aus. Allein im Jahr 2016 hat wurde sie bei YTÜ Yüksel Sabanci Sanat Merkezi, Kucukciftlik Park for the Mamut Art Project, iNS und Istanbul Modern gezeigt.

Buğra Erol (1986) hat sein Studium an der Yeditepe University Fine Arts Faculty in der bildenden Kunst Abteilung 2012 abgeschlossen. Seine Arbeiten waren schon in mehreren Ausstellungen zu sehen, unter anderem in Beautiful Monuments of Decay, Daire Gallery, Istanbul (2015); Concrete Utopia, Realismus Club, Berlin (2015); Merz 3000, Plato Art Space, Istanbul (2014); 90 Minute Shows, Contemporary Istanbul International Art Fair (2014); by Marcus Graf, Papko, Istanbul (2014). Erol lebt und arbeitet in Istanbul.

Seza Bali (1982) ist eine in Istanbul lebende Künstlerin, die mit dem Medium der Fotografie arbeitet. Sie hat ihren M.F.A. am San Francisco Art Institute und ihren B.A. in bildender Kunst an der George Washington University abgeschlossen. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt: bei Elipsis Gallery and MIXER in Istanbul; The Center for Fine Art Photography, Fort Collins; Togonan Gallery and San Francisco Airport Museum, San Francisco; UNSEEN Photo Fair, Amsterdam; und Contemporary Istanbul. Sie hat an Artist in Residence Programme in Finnland und Kanada teilgenommen und ihre Monographie One Man Show wurde 2012 von Extracurricular Press herausgegeben. 

Joana Kohen (1988) hat Textildesign und bildende Kunst am Istituto Marangoni, Mailand, und an der Royal Academy of Fine Arts Antwerpen studiert. Sie stellt häufig in der Türkei aus. Ihre Arbeiten waren im Jahr 2016 in der Benetton Foundation Art Collection, Treviso, Italy, und in der Abrazo Interno Gallery, New York, zu sehen. Kohen hat auch an mehreren internationalen Kunstmessen teilgenommen, darunter Contemporary Istanbul, Spectrum Miami Contemporary und Contra London.

Event Details

[postinfo meta_key=’enable_postinfo‘ meta_value=’1′ default=’1′ class=’se-dbox‘][postinfo meta_key=’enable_venuebox‘ meta_value=’1′ default=’1′ id=’venuebox‘ class=’se-vbox‘]

Featured Events

PiB also recommends in Mitte
FiB empfiehlt außerdem in Mitte

Tags