Gruppenausstellung

»Show your darling III – DAS BETT«

32 fotografische Positionen

DAS BETT
Anzeichen eines phänomenologischen Moments

Wer kein Bett besitzt, findet keine Ruhe. Wenn sich die Nacht nähert, drängt sich die Frage des Nachtlagers auf. Phänomenologisch betrachtet ist das Bett das Gegenstück zur Straße, ein zurückgezogener, nicht öffentlicher Ort, an dem ein seltsamer Zustand namens Schlaf neue veritable Kräfte erzeugt. Eine Straße kann kein Bett sein, aber in Straßen findet man vielfach Betten.

Im Bett vereinen sich Leben und Tod zur kurzen Mesalliance von Traum und Bewusstlosigkeit. So gesehen, ist das Bett eine luxuriöse Vorstufe des Grabes. Es verbindet den Menschen innig mit dem Schlaf. Auf der Horizontlinie des Traumhaften, Traumatischen, Vergangenen wird gestorben, gebärt und gezeugt. Das Beet des Existentiellen bleibt indes ein schmaler Streifen seiner gesamten Phänomenologie: Die Typologie reicht von der Party-Badewanne bis zum Himmelbett, vom Pferdesattel in der Prärie bis zur märchenhaften Prinzessin auf der Erbse. Während die einen spartanisch liegen, bevorzugen andere Tiefe und Weichheit. Dem Schlaf ist das Bett heilig, dem Traum nicht. Er nutzt jegliche Irritation zu surrealistischen Zwecken und wickelt den Schlafenden in somnambule Zuckerwatte.
Manch einer protzt mit seiner Traumwiese, andere verbergen ihr Refugium. Die Schlafzimmertür bleibt dezent verschlossen, wenn Besuch kommt. Da im Bett das Private, Intime und Zurückgezogene ausgelebt wird, schweben stets frische oder verbrauchte Geister um es herum. Zur Nacht wird ein Bett geöffnet, am Tage wieder geschlossen. Dennoch ist das Bett tagaktiv; aus dem „im“ Bett wird ein „auf dem“ Bett. Immer wenn es benutzt wird, kann das Bett anschließend als Tatort inspiziert werden. Es zeigt stumme Abdrücke und erkaltete Rauchzeichen. Darin ähnelt es der Fotografie, die ein Bett des Lichtes ist. Der Betrachter wird zum Detektiv, der die amorphen Spuren der voraufgegangenen Prozession zur Erzählung bündelt.

Über die Jahre legt eine Bettstätte ein Palimpsest der Träume an und bietet eine extreme Langzeitbelichtung der Ruhelosigkeit. Die sorgfältig über das Bett gezogene Tagesdecke ist eine Art Leichentuch des Lebens. Wenn sich das Bettgestell durchbiegt, weil es alt geworden ist, bildet die Dauer eine Kurve. Das Bett trägt die physische Last von Lust und Leiden über dem Abgrund der Jahre. Träume, Krankheiten, rauschhafte Nächte sind in seine Fasern und Federn eingerieben. Jeden Tag stellt sich die gleiche Frage, ob man gut geschlafen habe. Ein Bett ist wie die unendliche Folge kurzer Hängebrücken zwischen den Tagesinseln. Es verbindet sie Woche für Woche, Jahr für Jahr. Ohne das Bett wäre eine Reise zur Kehrseite der Zeit undenkbar.

Man gibt Betten eine individuelle Gestalt, damit sich das Alltägliche mit dem Besonderen verbindet. Ein Bett wird im Schlafzimmer gebettet. Es flirtet mit dem Gast, dem Betrachter, dem zukünftigen Geliebten. Fotografien insbesondere von Schlafzimmern sind Wunderkammern der Ägyptologie. Dekor, Tapeten, Bilder, Nachttische, Lampen, Kreuze bilden Grabbeilagen. An Schlafräumen wird die eigenwillige Einsamkeit der stummen Beredsamkeit der Dinge ablesbar. Des Tages wird der Stein der blauen Nacht zur Seite gerollt. Die Toten und die Gespenster schieben ihr Nachthemd unter die Daunen. Zur Nacht kehren sie zurück und tanzen erneut durchs Bett.

Text: Stephan Reisner

Beteiligte Künstler: 


Baschlakow, André / Beckmann, Ophelia / Bibel, Nora / Bröhan, Angela / Bruhns, Eva / Clauss, Nils / Dollinger, Mario / Erbas, Renate / Hagemann, Matthias / Helmerdig, Silke / Hommelsheim, Ruth / Hüning, Fred / Kirchner, André / Krawiec, georgia / Kriegelstein, Manfred / Ochse, Benjamin / Pavlakis, Stefanos / Pawlitzky, Eric / Payeras-Salom, Bartolomé / Peschke, Marc / Reisner, Stephan / Rissmann, Joachim / Schmiedekind, Jörg / Schraepler, Alexandra / Schumann, Torsten / Schünemann, Jens / Stuke, Karen / Teepe, Martina / Wehr, Susanne / Wild, Sabine / Woischwill, Nicole / Würich, Sabine

Rahmenprogramm

Vernissage: Samstag, 3. März 2018, 19 Uhr
Ausstellung vom 03.03. – 14.04.2018
open: samstags + sonntags 15:00 – 18:00

Photobookdays: Samstag, 24.03. und Sonntag, 25.03.: 15:00 – 18:00
Darlinge & Friends präsentieren ihre Fotobücher zum Tausch oder Verkauf.

Finissage: Samstag, 14.04.2018, 18:00
18:00: „das war´s. war´s das?“.  Fred Hüning, Fotografien und Texte.
Lichtbildvortrag und Lesung „best of, worst of und outtakes der Kolumnen für die TAZ“
19:00: Lesung „DAS BETT“ – Kurzgeschichte von Andreas Fischer
1980 schreibt der 19jährige,  frischgebackene Abiturient Andreas Fischer eine Kurzgeschichte, in der er den Rückzug eines Mannes von den Menschen und der Welt beschreibt. Nun, fast 40 Jahre später, lebt Fischer als Fotograf und Filmemacher in Friedenau. Für das Zusatzprogramm zur Ausstellung ist er in sein Archiv hinabgestiegen und hat das Manuskript hervorgeholt. Es liest: Tammin Julian Lee, Dirigent und Pianist.

Zur Ausstellung gibt es einen Katalog.

Für weitere Details besuche bitte die Projekt-Website www.showyourdarling.de

4. März — 14. April 2018
Vernissage: Samstag, 3. März, 19h
+ Rahmenprogramm: bitte siehe oben

Facebook Event (Vernissage)

Eschenstr. 4, 12161 Berlin
[Friedenau | Tempelhof-Schöneberg]

Öffnungszeiten: Sa & So 15-18h

Eintritt frei

Weitere Empfehlungen für…
ganz Berlin

Der »PiB Guide«

Printausgabe gewünscht? Entdecke PiBs Empfehlungen für Mai/Juni 2018 im neuen PiB Guide Nº18! Diese Ausgabe von PiBs zweimonatlichem Kunstführer erscheint als A6 Booklet / 72 Seiten / mit Texten auf Deutsch & Englisch. Versand innerhalb Deutschlands und in alle EU-Länder.

Exemplar bestellen!

PiBs E-Newsletter

Melde dich an für PiBs kostenlosen Email-Newsletter und bleibe auf dem Laufenden in Berlins Fotografieszene! Mit Liebe zusammengestellt, herausgegeben einmal wöchentlich auf Deutsch & Englisch – für eine internationale Leserschaft bestehend aus Fotografieliebhabern, Sammlern, Kuratoren und Journalisten.

Newsletter-Anmeldung

Du & PiB

Erreiche gezielt ein kunst- und fotografieinteressiertes Publikum in Berlin & darüberhinaus – durch die Präsentation deiner Ausstellung/Veranstaltung oder Institution/Produkt/Dienstleistung mit PiB!

Weiterlesen
#Tags zu diesem Artikel:
Suche